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Friday, May 15, 2020

Corona und die Medien: Widerspruch und Unterhaltung sind gefragt

Als die Coronakrise begann, herrschte in der Bevölkerung ein enormer Informationsbedarf. Dieser wirkte sich auf die Reichweiten der Medien aus. Der März brachte zahlreichen Online-Medien ein Rekord-Publikum. Doch der Enthusiasmus des Publikums war nur von kurzer Dauer - zumindest was die sogenannten Mainstream-Medien betrifft.

Auch beim Schweizer Fernsehen war das Corona-Hoch nur von kurzer Dauer;
15 Prozent des Publikums sind bereits wieder abgesprungen.
                                                                                         Screengrab SRF Play
Die Zahlen von Net-Metrix, mit denen das Publikum der Schweizer Online-Medien gemessen wird, waren im März, also zu Beginn der Coronakrise wirklich sehr beindruckend.  Noch nie wurden mehr Visits oder Unique Clients registriert. Je nach Angebot hatte sich der Traffic im Vergleich zum Vormonat verdoppelt oder gar verdreifacht.
Nach mehreren Wochen und einer Entschärfung der Krise, kommt nun aber der Rückkehr zur Realität: Die gewonnenen Leser und Zuschauerinnen sind bis auf wenige Ausnahmen, bereits wieder abgesprungen. Im Moment kann eigentlich nur geschätzt werden, woran das liegt. Einer der Gründe ist sicher die gegenwärtige Entschärfung der Krise. Es könnte aber auch argumentiert werden, dass die neusten Net-Metrix-Zahlen zeigen, dass sich auch in der Schweiz in der Coronakrise neue Gräben geöffnet haben. 
Es sind nämlich vor allem die Mainstream-Medien, die bis zu 34 Prozent ihres Publikums bereits wieder verloren haben; Publikationen wie baslerzeitung.ch, bernerzeitung.ch, cash.ch, derbund.ch, 20min.ch usw. Das Medienportal persoenlich.com präsentiert eine ausgezeichnete Übersicht.  Zugelegt haben jene Publikationen, die eher nicht dem Mainstream zugeordnet werden können, die also während  der Krise sicher weniger als Sprachrohr der Behörden funktioniert haben, als die grosse Menge der journalistischen Online-Erzeugnisse. Die linke WOZ verzeichnet ein Plus von 27 Prozent, die rechte Weltwoche ein Plus von 13 Prozent.  Ebenfalls zugelegt haben drei Zeitschriften, die eher dem Unterhaltungssegment zuzurechnen sind, was durchaus nicht abwertend gemeint ist: Annabelle (19 Prozent), Glückspost (16 Prozent) und Schweizer Illustrierte (2 Prozent). Was unterstreicht, dass in der Coronakrise auch Unterhaltung sehr gefragt war - und immer noch ist.

Tuesday, September 12, 2017

Apple iPhone:Von überschwänglich zu leicht kritisch

Das iPhone ist ein revolutionäres Produkt, das viele Fans hat. In den letzten 10 Jahren, vor der Einführung des iPhone 8, zeigte sich diese Wertschätzung des ikonischen Smartphones nicht nur durch massive Apple-Profite, sondern vor allem auch durch die überschwängliche Begeisterung der Journalisten, die jeweils Bericht erstatteten. Das hat sich jetzt, zum zehnjährigen Jubiläum, ein klein wenig geändert.

Spekulation über das iPhone 8: Auf hunderten von Bildern wird präsentiert,
wie das iPhone 8 aussehen könnte - lange vor der Präsentation.
                                                                                            Screengrab Google
Es hat lange gedauert, bis das iPhone von journalistischer Seite wenigstens mit einer kleinen Prise Kritik bedacht wurde – ironischerweise passiert es jetzt, wenn Apple das Jubiläums-iPhone präsentiert. Sogar die Schweizer Nachrichtensendung 10 vor 10 behauptete in einem Beitrag unter dem zugegebenermassen sehr gewagten Titel “Weshalb Apple nicht mehr beliebt ist“, dass das iPhone stark an Popularität verloren habe. Allerding läuft das Marketing immer noch ab wie eh und je:  Weltweit werden tausende von spekulativen Artikeln geschrieben, bevor das iPhone wirklich präsentiert wird – Apple kann sich weiterhin auf die Gratiswerbung der meisten Medien verlassen. Eine News-Suche mit dem Stichwort iPhone 8, einige Stunden vor der Präsentation des Geräts, ergab über 848‘000 Resultate.
Doch jetzt gibt es also auch einige wenige kritische Stimmen. Der Tenor: Das neue iPhone wird zu teuer werden. “Sind selbst Apple-Fans zu geizig für das neue iPhone 8“, fragte zum Beispiel das Manager Magazin:
“Vor wenigen Tagen prophezeite Barclays-Analyst Mark Moswitz in einer Studie: Nicht mal jeder fünfte Kunde sei bereit, diese Summe [über 1000 Dollar]auf den Tisch zu legen. Zum Vergleich: Der Verkaufspreis beim iPhone 7 lag am Starttermin bei 649 Dollar. Und Samsung zieht mit einem Preis von 999 Dollar für das vergangene Woche erschienene Galaxy Note 8 zwar im Premiumsegment mit, liegt damit aber immer noch unter dem voraussichtlichen Preisniveau des iPhone 8. Moswitz beruft sich dabei auf eine Umfrage von Wireless Subscriber Survey in diesem August, berichtet "9to5Mac". Seit vielen Jahren analysiert der Experte das Kaufverhalten von Apple-Kunden. Demnach waren sie im Juni 2017 weniger an Apple-Produkten interessiert als noch Ende 2015.“
Auch die faz sieht in den hohen iPhone-Preisen ein Problem:
“Apple will offenbar gar nicht versuchen, die Absatzzahlen wieder deutlich zu steigern. Das dürfte angesichts des hohen Preises auch schwierig werden. Der Einstieg in den Massenmarkt mit dem iPhone 5c vor ein paar Jahren scheiterte. Stattdessen sollen nun die Preise noch weiter klettern. Von 1000 Dollar für das neue iPhone 8 ist die Rede. Das ist selbst für die einkommensstarke Kundengruppe ein stolzer Preis. Apple muss aufpassen, sich seine treuesten Käufer nicht zu vergraulen.“
Auch wir haben an dieser Stelle schon über die riesigen Apple-Profite und die hohen Preise berichtet:
“ Dass Apple seine Geräte zu teuer verkauft, wäre weniger anstössig, wenn der Konzern nicht den grössten Teil seiner Geräte in Asien zu absoluten Tiefstlöhnen herstellen liesse (die Steuerpolitik des Konzerns lassen wir mal beiseite). Die Arbeitskosten für ein iPhone 7 liegen bei gut 4 Euro(!) pro Gerät, die gesamten Herstellungskosten kommen auf 200 Dollar. Wenn Sie morgen bei Apple die billigste Variante eines iPhone7 kaufen, bezahlen Sie in Deutschland 760 Euro, in der Schweiz 760 Franken inklusive Mehrwertsteuer – für ein Gerät das Apple für maximal 200 Euro herstellt.“ 
Trotz alledem kann es nicht so schlimm sein, mit der schwindenden Anzahl Apple-Fans. Wer das neue iPhone bestelle, werde wahrscheinlich mit längeren Wartefristen rechnen müssen, sagen verschiedene Experten –  allerdings nicht nur, weil die Nachfrage so gross ist, sondern auch weil es zu Problemen bei der Herstellung kommt.

Monday, March 13, 2017

Das iPhone, die Medien – und viel, viel Gratiswerbung

Hat es das eigentlich schon gegeben? Dass viele Medien atemlos über ein Produkt spekulieren, darüber in hunderten oder gar tausenden von Artikeln Gerüchte verbreiten und sich generell verhalten, wie kleine Kinder, die über ihre zu erwartenden Weihnachtsgeschenke rätseln – allerdings schon Monate, bevor der Weihnachtsbaum steht.  Wahrscheinlich hat es das schon gegeben, aber mit dem Apple iPhone wurde in den letzten Jahren ein ganz neuer Massstab gesetzt.

Das neue iPhone wird jeweils von unzähligen Bloggern und Journalisten beworben,
lange bevor es auf dem Markt ist - auch auf Youtube                                 Bild ytimg
Viele Medienkonsumenten sind wahrscheinlich nicht allzu überrascht über die Tatsache, dass es seriöse und unseriösere Medien gibt, die Gerüchte verbreiten - allerdings geht es an dieser Stelle nicht um Politik, sondern um das neuste Apple iPhone. Und wenn es darum geht, abzuschätzen, wie das nächste Modell dieses Geräts aussehen und was es leisten wird, geben die Tech-Journalisten auch gerne zu, dass sie spekulieren und Gerüchte verbreiten – obwohl die Präsentation des Geräts erst im Herbst stattfinden wird. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Beispiel, ein durchaus seriöses Blatt, hat dieser Tage sogar eine ausführliche Zusammenfassung der Gerüchte publiziert:
“Was bei den Gerüchten allgemein hilft, ist ein Blick zur Konkurrenz. Viele Funktionen, die Apple in den vergangenen Jahren vorgestellt hat, boten vorher auch schon andere Hersteller an. Bei den diesjährigen Gerüchten ist das nicht anders: Mit dem „Project Tango“ startete Google vor drei Jahren eine Plattform für AR. Mit dem Lenovo PHAB2 Pro und dem Asus Zenfone AR sind nun schon zwei Geräte auf dem Markt, die Realität und animierte Objekte auf dem Display verschmelzen lassen. Die Funktion zur Gesichtserkennung bietet Android schon seit mehreren Jahren und einen Iris-Scanner führte Nokia 2015 für die Lumia 950-Serie ein. Für Apple dürfte es also nicht unmöglich sein, diese Neuerungen umzusetzen. Bis zur offiziellen Vorstellung wird Apple alles dafür tun, dass keine Informationen über seine neuen iPhones nach Aussen gelangen. Allgemein lässt sich aus der Erfahrung der letzten Jahre nur eine Tatsache sicher prophezeien: Nicht jedes Gerücht stellt sich als richtig heraus…“
Immerhin so viel ist also klar: Man darf betreffend iPhone nicht jedes Gemunkel glauben – auch wenn es gedruckt oder digital publiziert wird. Was natürlich nicht heisst, dass andere grosse Publikationen nicht ebenfalls lange Artikel voller Spekulationen veröffentlichen. Aber wie steht es denn eigentlich mit der Tatsache, dass man diese iPhone-Gerüchte ganz einfach auch als ganz viel Gratiswerbung ansehen könnte? Eine Google-Suche zeigt, dass dies anscheinend kein Problem ist – zumindest wird nicht darüber diskutiert - und wir verstehen auch weshalb.
Im heutigen 24-Stunden News-Zyklus greift man/frau am Schreibpult nach jedem Strohhalm, um die unendliche Zahl von Seiten zu füllen, die täglich und nächtlich gefüllt werden müssen. Ausserdem ist das iPhone ein Produkt, das viele Fans und potenzielle Käufer hat – das Interesse ist also durchaus vorhanden. Und schliesslich hat ja Apple auch ein Werbebudget – dessen Verteiler sicher wohlwollend auf genauso wohlwollende Berichterstattung reagieren.
Man sieht: Im  digitalen Zeitalter ist vieles gleich geblieben – vieles ist schwieriger geworden. Zum Beispiel das Auseinanderhalten von Journalismus und Werbung. Das hat weniger mit dem iPhone, als mit dem Überlebenskampf vieler Medien zu tun. Aber das ist wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sunday, November 13, 2016

Präsident Trump: Ist etwa das Internet schuld?

Wie hat es Donald Trump geschafft, in den USA zum Präsidenten gewählt zu werden, obwohl sich das gesamte politische Establishment und so gut wie alle Medien gegen ihn verbündet haben? Welche Rolle haben Internet und soziale Medien gespielt?

Der Brief des New-York-Times-Herausgebers Arthur
Sulzberger an die Leser: In Zukunft Berichterstattung
ohne Angst und Bevorzugung.
Es war unübersehbar – nicht nur in den USA. Die Meinungsmacher mögen Donald Trump gar nicht, und sie hatten und haben keine Hemmungen, dies mit ihrer Berichterstattung zum Wahlkampf zu demonstrieren.  Trump hat es den Journalisten mit seinem Verhalten leicht gemacht, ihn nicht zu mögen. Den meisten Redaktionen fiel dies umso leichter, als sie sich absolut sicher waren, dass Trump der falsche Präsident wäre, was die NZZ auch nach dem unerwarteten Sieg noch wortwörtlich befand: “Der falsche Präsident“, titelte das Blatt in einem Anflug von stolzem Elitismus am Tag nach der Wahl.
Was heisst das nun? Haben die Medien keinen Einfluss (mehr) auf ihre Leser? Haben Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen ihre Glaubwürdigkeit soweit verloren, dass sie ganz einfach nicht mehr ernstgenommen werden? Oder ist etwa ganz einfach das Internet schuld, das mit seinen Sozialen Medien Informationsblasen möglich gemacht hat, die es sozusagen unmöglich machen, ganze Lesergruppen zu erreichen, wenn nicht in deren Sinne informiert und argumentiert wird? Die gleiche NZZ, die sich mit ihrer Berichterstattung zum amerikanischen Wahlkampf trotz (oder gerade wegen) ihrer elitären Ansprüche um keinen Jota vom Rest der sogenannten Mainstream-Medien abgehoben hat (“Damit ist wahr geworden, wovor führende Politiker, Akademiker und Unternehmer monatelang gewarnt hatten. Grosse Teile Amerikas, aber auch des Rests der Welt sind geschockt und stehen vor der Frage, die sie gehofft hatten nie stellen zu müssen. Was nun?“) demonstriert heute mit einem Artikel ihres Medienredaktors, dass es auch journalistischer geht. Unter dem Titel “Trumps Sieg spiegelt die digitale Revolution“ versucht Rainer Stadler die oben gestellten Fragen sachlich zu beantworten:
“Der Trend zur Atomisierung der Information ist im Online-Zeitalter unübersehbar. Die Redaktionen brauchen möglichst hohe Klickzahlen, die sie bei der Werbewirtschaft vermarkten wollen. Die Einschaltquoten lassen sich nicht zuletzt optimieren durch die dauernde Publikation von skandalträchtigen Informationshäppchen, welche den Konsumenten durch Push-Dienste fürs allgegenwärtige Smartphone schmackhaft gemacht werden. Zeitweise trafen sie im Minutentakt ein. Trump bot mit seinen provokativen Twitter-Botschaften schnell verwertbares und unterhaltsameres Material als Clinton. Entsprechend bekam er mehr mediale Aufmerksamkeit als seine Konkurrentin, was ihm wiederum die millionenschweren Ausgaben für Inserate und Werbespots ersparte. Der überwiegende Teil der Trump-News war zwar negativ, doch die mediale Stilisierung von "negativen Helden" kann auch kontraproduktiv sein und den Opfern der Skandalberichte helfen, weil die Konsumenten die Nachrichten ganz anders interpretieren, als sie die Journalisten gemeint haben.“
Das haben inzwischen auch einige sehr wichtige Medienverantwortliche gemerkt. So hat sich am Freitag der Herausgeber der New York Times, Arthur Sulzberger in einem Brief an die Leser dafür entschuldigt, dass man die Unterstützung Trumps in der Bevölkerung wohl falsch eingeschätzt habe und deshalb nicht ganz so unvoreingenommen berichtet habe, wie es möglich gewesen wäre. Man werde sich in Zukunft “wieder der fundamentalen Mission des Times-Journalismus widmen und über Amerika und die Welt ehrlich berichten, ohne Angst und Bevorzugung“. Ein Vorsatz, der nicht nur der New York Times gut anstehen würde.

Monday, June 13, 2016

Facebook, die News und die Voreingenommenheit

Da ging doch kürzlich das grosse Raunen durch die amerikanischen Medien, dass Facebook voreingenommen sei, was die Verteilung von News an die User betreffe. Das hat uns dazu veranlasst, den Facebook-Themen-Feed auf unserer Page einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Fazit: Wer sich informieren will, sucht sich besser andere Quellen.

Was bei Facebook am meisten interessiert, hat oft nicht
viel mit relevanten News zu tun.   Screengrab Facebook
Die Story sorgte vor allem in den USA für viel Aufsehen: Facebook ist voreingenommen – oder, wie die Welt in Deutschland titelte: “Macht Facebook geheime Politik gegen Konservative?“ Die Frage liess sich natürlich nicht schlüssig beantworten: Eher konservative Medien tendieren dazu, dies zu glauben; der grosse Rest des linksliberalen Mainstreams schreibt die Schlagzeilen eher konservativer Schwarzseherei und allgemeinem Kulturpessimismus  zu. Konkret geht es darum, dass Facebook seinen Nordamerikanischen Usern seit zwei Jahren unter der Überschrift “Trending“ eine Auswahl von Themen serviert, die momentan viele Leser interessieren. Da Facebook Millionen von Usern hat, werden diese Schlagzeilen natürlich oft angeklickt. Team-Mitarbeiter, die bei Facebook für die Auswahl dieser Themen verantwortlich waren, gaben nun in einem Interview an, dass die Auswahl der Meldungen oft nach politischen Kriterien vorgenommen worden sei:
“Der aktuelle Vorwurf: Vor allem Nachrichten aus dem konservativen Spektrum, die tatsächlich massiv von Nutzern debattiert worden seien, hätten es nicht in die prominente Rubrik rechts oben auf der Facebook-Seite geschafft. Berichte über prominente Konservative wie Mitt Romney, Glenn Beck oder Rand Paul seien in der Auswahl nicht immer, aber je nach Teamleiter benachteiligt worden.
Facebook hat die Anschuldigungen wenige Stunden nach Veröffentlichung des Artikels bei "Gizmodo" dementiert […] Die angesagten Themen, erklärt Facebook, würden zunächst immer von einem Algorithmus ermittelt. Das menschliche Team im Hintergrund überprüfe dann, ob es sich bei dem Thema tatsächlich um eine aktuelle Nachricht handle. Die identifizierten Trends würden dann an die Nutzer weitergegeben, auf Basis von deren persönlichen Interessen und Vorlieben. Wo hält sich ein Nutzer gerade auf, welche Seiten verfolgt er, wofür hat er einen Daumen nach oben gegeben – auch diese Informationen spielen in die nun wieder computergesteuerte Auswahl hinein.“
Was auch immer mit der Themenauswahl bei Facebook geschehen ist – die „Trending Topics“
auf der Plattform leisten definitiv keinen Beitrag zur Erfüllung unseres Informationsbedürfnisses, wie die abgebildeten Schlagzeilen vom Montag nach dem Massenmord in Orlando Florida zeigen. Neben für uns irrelevanten Meldungen über gefeuerte Sportkommentatoren, Country Musiker, die sich zum politischen Geschehen äussern, Schauspielerinnen, die ausgezeichnet wurden – und natürlich Donald Trump,  landeten gerade mal zwei Themen auf unserer Liste, die uns interessieren – eine wissenschaftliche Meldung und ein IT-Thema. Wer sich nicht nur für den kleinsten gemeinsamen Klatsch-Nenner interessiert, kann ohne weiteres auf die Facebook-Themen-Hitparade verzichten.
Kein Verlust also, für die meisten deutschsprachigen Facebook-User, die (noch) auf diese Trending Topics verzichten müssen, die von einem Facebook-Algorithmus ausgewählt und von Facebook-Mitarbeitern gefiltert werden. News werden zwar überall mit mehr oder weniger Voreingenommenheit serviert, wer aber den schnellen Überblick sucht, ist mit Google-News oder der News-Site einer seriösen Tageszeitung sicher besser bedient, als mit den Trending Topics von Facebook.

Wednesday, March 16, 2011

Medien und Katastrophen im digitalen Zeitalter

Die Erdbeben/Tsunami/Nuklearkatastrophe in Japan hat gezeigt, dass die Medien mit wenigen Ausnahmen ihre Rolle im digitalen Zeitalter noch nicht gefunden haben. Die Katastrophe führte (und führt immer noch) zu einer ständigen Flut von sensationellen, ungeprüften, gegensätzlichen, widersprüchlichen und auch total falschen Meldungen.

Eigentlich müsste man meinen, dass die Japanische Katastrophe schlimm genug sei, ohne dass sie die Medien noch verstärken. Doch unsinnige Schlagzeilen, wie “Schnee aus der Atomwolke“ auf Blick-Online, demonstrieren das Gegenteil. Natürlich gibt es Medien, von denen die Konsumenten nicht viel anderes erwarten als Sensationalismus und fette Schlagzeilen, die es nicht allzu genau nehmen.  Es ist aber auch der 24-stündliche News-Zyklus, der dazu geführt hat, dass die digitale Informationsmachine ununterbrochen gefüttert sein will – da bleibt schlicht und einfach keine Zeit mehr, sich ein klares Bild der Situation zu machen. Umso verworrener ist das Resultat. Wer versucht hat, sich seit dem Tag der Katastrophe in Japan zum Beispiel per Internet auf dem Laufenden zu halten, wurde von einer riesigen Flut von widersprüchlichen Meldungen auf eine emotionelle Achterbahn geschickt, die fast nur Verwirrung und Furcht hinterlässt. Diese Verwirrung färbt dann auch auf sogenannte Experten ab, wie zum Beispiel den CVP-Nationalrat Pirmin Bischof, der im Verwaltungsrat Kernkraftwerk Gösgen AG sitzt, und im Club von SF1 zum besten gab, dass es schon schlim sei, “was Menschen anrichten“ könnten, und etwas später noch bemerkte, das es sich ja eigentlich beim Jahrtausenderdbeben und dem Supertsunami um “ganz banale Ursachen“ für die nukleare Nachfolgekatastrophe handle.
Das einzige was sicher ist: Es ist eine Katastrophe passiert, die immer noch im Gang ist und die verheerende Folgen hat. Um auf diesen Informationsstand zu kommen, hätte es aber auch gereicht, erst heute die Zeitung zu lesen oder ein Nachrichtenbulletin zu hören. Es gab einige wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die NZZ, das Wall Street Journal und den London Telegraph, die in den letzten Tagen versucht haben, mit erklärenden Hintergrundartikeln die Wertung der apokalyptischen Schlagzeilen zu erleichtern. 
Wir sind übrigens nicht allein in unserer Bewertung der Mediensituation. Rainer Stadler, der Medienexperte der NZZ, schreibt:
“Unerwartete Grossereignisse mit unklarer Faktenlage sind Gift für das Mediensystem. Das zeigt sich erneut bei der jüngsten Katastrophe in Japan. Der Erwartungsdruck, Informationen zu verbreiten, wächst viel rascher als die Chance, überhaupt gesichertes Wissen beschaffen zu können. Zudem können die Medienhäuser ihre Sendekapazitäten viel schneller hochfahren, als sie ihre Gefässe mit verlässlichen Informationen zu füllen vermögen. Die Diskrepanz zwischen technischem Potenzial und Produktsicherheit war am Samstag, also einen Tag nach dem Erdbeben in Japan, besonders auffällig. Das wachsende Angebot von Online-News hat den Zwang zur Aktualität noch einmal verschärft. So verwundert es wenig, wenn klassische journalistische Regeln – «get it first, but first get it right» – an Bedeutung verlieren. Tagesanzeiger.ch etwa meldete am Samstagmittag eine Kernschmelze in Japan, relativierte dann die Aussage mit dem Modalverb «sollen», um später nachzuschieben, es gebe dazu unklare News…“

Saturday, September 4, 2010

Telefonieren mit Google

Google steigt ins Telefongeschäft ein. Der Internetgigant hat mit Google-Voice einen VoIP-Telefonservice lanciert, der unzählige nützliche Features aufweist. Zum Beispiel bietet Google die Möglichkeit, eine einzige Telefonnummer auf allen Anschlüssen klingeln zu lassen. Vorderhand gibt’s das Angebot aber erst in den USA.

Google-Voice ist für Konsumenten auf verschiedenen Ebenen interessant (deshalb haben wohl bereits mehrere Millionen User schon in den ersten Tagen nach der Ankündigung davon Gebrauch gemacht). Da ist einmal der Einstieg in die Internet-Telefonie, auch Voice over IP oder VoIP genannt. Hier bietet das Unternehmen gratis Telefonate innerhalb Nordamerika und Billigstanrufe im Rest der Welt. Google dringt also ins -SkypeGeschäftsfeld vor, und es wird interessant sein, die Entwicklung des Konkurrenzkampfs zu Verfolgen. Angeboten wird der Dienst auf den Webseiten von Gmail.com, dem Google Mail-Service.  Um einen Anruf zu iniziieren, reicht es, den “Call“-Knopf zu drücken und die Zieltelefonnummer einzugeben. Google legt den Anruf dann auf ein Telefon des Anwenders und stellt die Verbindung her (ganz ähnlich übrigens wie Jajah, ein anderer erfolgreicher VoIP-Service, den wir wohl auch weiterhin benutzen werden, zumindest solange Google-Voice nur in den USA angeboten wird).
Fast noch interessanter als die das billige Telefonieren, sind die zahlreichen begleitenden Dienste, die Google schon seit mehreren Monaten fürs Telefonieren anbietet (siehe Video). Voicemail-Nachrichten, die dem User in Textform präsentiert werden, oder eben die zentrale Telefonnummer für alle persönlichen Anschlüsse – vom Geschäft, über den privaten Festnetzanschluss zum Handy. Ein Angebot, das für viele Anwender wie gerufen kommt und umso attraktiver ist, da es nichts kostet.
Schreibt der London-Telegraph (Übersetzung durch uns):
“Realistisch gesehen wird es wohl noch eine Weile dauern, bis das Festnetz, das Handy und der Computer komplett vereint sind. Aber die Integration von Systemen über verschiedenste Geräte, wird wahrscheinlich den Konsumenten echte Vorteile bringen – auch weil mächtige Unternehmen wie Google dahinter stehen. Für die Firmen selber präsentieren sich dadurch wichtige Gelegenheiten, Umsatzwachstum zu erzielen.“ 
Das Medienecho auf die Telefonieankündigungen von Google hat sich überigens durchaus im Rahmen gehalten, es war eigentlich erstaunlich klein. Wie hätte die Berichterstattung wohl ausgesehen, wenn Apple die gleichen Dienste angeboten hätte?

Sunday, September 13, 2009

Die Medien, das Internet und die Glaubwürdigkeit

Das digitale Zeitalter setzt den “alten“ Medien schwer zu. Zeitungen und Fernsehstationen verlieren Leser, Zuschauer und Werber, unter anderem deshalb, weil immer mehr Medienkonsumenten finden, dass sie sich im Internet besser und präziser informieren können. Eines ist sicher: Einseitige, ungenaue oder unausgewogene Berichterstattung wird im Web gnadenlos aufgedeckt – wenn man weiss, wie man da zuverlässige Informationen finden kann.

Das Internet sei ein “Dschungel der Mittelmässigkeit“, voll von “Schwachsinn und Schrott“, gab kürzlich der Chef des grössten Schweizer Verlages, Michael Ringier, zum Besten. Man kann es ihm nicht mal übelnehmen. Ringier ist nicht der einzige Verleger, der versucht, seinen Laden digitaltauglich zu machen, bevor allzu viele Leser in den weitgehend kostenlosen, unendlichen Dimensionen des Web-Dschungels mehr Nutzen finden, als in den traditionellen Zeitungen. Weitaus grössere und angesehenere Zeitungen als der “Blick“ mühen sich ab, einen Weg zurück in die vor-digitale Profitabilität zu finden – die New York Times ist nur eines der zahlreichen illustren Opfer der neuen Realität. Gründe für die Einbussen der “alten“ Medien gibt es einige. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Gesellschaft immer stärker fragmentiert ist: Jede Interessengruppe hat ihren Blog, jeder Ideologe seine Video-Kolumne. Doch es gibt einen noch wichtigeren Grund: Das Internet zeigt gnadenlos auf, dass die Medien nicht ganz so genau sind, wie sie es sein möchten. Da lesen wir zum Beispiel heute im Tagesanzeiger:
“30'000 Menschen versammeln sich am Samstag in Washington, um gegen Barack Obamas Politik zu demonstrieren.“
30'000 ist eine ziemlich genaue Zahl. Trotzdem würde es dem Tagi wohl niemand übelnehmen, wenn sich herausstellen würde, dass es sich um 35'000 oder gar 40'000 Demonstranten gehandelt hätte. Umsomehr als die NZZ es nicht wagt, eine bessere Schätzung aufzustellen:
“Mehrere zehntausend Demonstranten haben in Washington gegen die Politik von Präsident Barack Obama protestiert.“
Unklar wird die Lage für jene User, die auch noch andere Zeitungen lesen – was dank Internet heute problemlos möglich ist. Zum Beispiel die britische Daily Mail:
“Up to two million people marched to the U.S. Capitol today […] as they protested the president's health care plan and what they say is out-of-control spending.”
Haben wir das richtig gelesen? Bis zu zwei Millionen Menschen waren da am Protestieren? Nicht nur 30'000, nicht “einige Zehntausend“? Ausser der Mail haben auch andere Medien von mehr als einer Million Demonstranten berichtet, neben zahlreiche Blogs auch eine der grossen US-Fernsehstationen. Doch die meisten Medien beliessen es bei der Formulierung von “einigen Zehtausend“ (“tens of thousands of conservative protesters“), auch nachdem klar geworden war, dass es sich eher um einige Hunderttausend gehandelt hat. Doch wie viele Demonstranten waren es denn nun wirklich? Eine kurze Google-Suche führt uns zu Charlie Martin, einem Computer Wissenschaftler aus Colorado, der die Zahl errechnen will:
"I did a back-of-envelope based on the photos and reports. A pretty dense crowd is about 1.8 people per square meter, and the National Mall alone is about 125 hectares, 1.25 million square meters. So that would be 2.3 million people…”
Ob es sich nun um 500’000, 1’000’000 oder 2’300'000 Demonstraten gehandelt hat, wissen wir nicht. Klar ist, dass es nicht 30'000 und auch nicht nur einige 10'000 waren. Was beweist: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser. Und das Internet macht’s möglich!