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Thursday, March 22, 2018

Facebook, Politik und Hysterie


Der Wirbel ist beträchtlich: Facebook hat vielleicht dazu beigetragen, dass Donald Trump in den USA im letzten Jahr die Wahlen gewonnen hat - dazu noch mit Daten, die wahrscheinlich (man ist sich noch nicht sicher) gar nicht hätten verwendet werden dürfen. Nun ruft die Konkurrenz dazu auf, Facebook in Zukunft ganz einfach zu meiden.

Facebook hat ein Problem - das Geschäftsmodell und der Datenschutz
vertragen sich nicht sehr gut.                         Source Flickr Creative Commons
Was ist eigentlich passiert? Sollten wir schockiert sein, dass Facebook unsere Daten dafür nutzt, sehr gezielt Werbung zu verkaufen?
Es war eine Quiz-App, die ein Professor der Universität Cambridge im Jahr 2014 auf Facebook anbot, die den Stein ins Rollen brachte. Die App wurde von 270‘000 Usern heruntergeladen, die sich im Kleingedruckten auch damit einverstanden erklärten, dem App-Anbieter neben den eigenen Daten auch jene ihrer Freunde anzubieten - ohne dass diese etwas davon wussten. Diese Daten machten dann ihren Weg - wahrscheinlich ohne das Wissen von Facebook - in den Amerikanischen Vorwahlkampf, wo sie scheinbar von der Trump-Kampagne genutzt wurden. Für den Wahlkampf selber wurden die Daten gemäß CBS-News allerdings nicht eingesetzt, da sie nicht gut genug gewesen seien. Facebook selber verteidigt sich, wird aber in den Medien fast durchgehend als Bösewicht dargestellt. Zitat aus der Zeit:
“Mittlerweile dürfte auch dem Letzten klar werden: Facebook schützt die Daten seiner Nutzerschaft nicht ausreichend, es überprüft externe Anbieter nicht sorgfältig und informiert die Öffentlichkeit unzureichend darüber, was eigentlich alles mit ihren Profilinformationen passiert. Medien, Politikerinnen und Politiker und selbst Investoren sind sich in dieser Kritik einig wie nie. […] "Nichts wurde gestohlen, niemand gehackt. Wir sind die Opfer! Wir wurden betrogen und belogen!" Das ist zusammengefasst die bisherige Verteidigungsstrategie des Konzerns. Die Nutzerinnen und Nutzer, erklärt Facebook, hätten damals, 2014, doch ihre Zustimmung zur Weitergabe ihrer Daten gegeben. Zumindest an den Wissenschaftler Aleksandr Kogan und seine Firma SCL, die über eine Psychotest-App Daten gesammelt und sie dann wohl an Cambridge Analytica weitergegeben haben. Zitat aus dem Facebook-Blog: "Menschen gaben wissentlich ihre Informationen weiter, es wurden keine Systeme infiltriert und keine Passwörter oder sensiblen Informationen gestohlen oder gehackt."
 Facebook hat ein Problem. Würde das Unternehmen tatsächlich echten Datenschutz betreiben, bliebe vom Facebook-Geschäftsmodell nicht viel übrig. Deshalb hält man sich im Hauptquartier in Menlo Park mit Versprechungen zurück. Wer bei Facebook mitmacht und dort persönliche Daten deponiert, darf nicht erwarten, dass diese Daten ungenutzt bleiben. Das sind sich die meisten Nutzer durchaus bewusst, auch wenn jetzt Medien und Politik das Gegenteil behaupten. Das zeigt auch eine Leser-Diskussion im Online-Forum der Zeit unter dem Titel: Like it or leave it? Der Eintrag von ‘Betrand‘ spricht für viele:
“Ich sehe ja an der Werbung wie nah FB und Google an meinen wirklichen Interessen und Käufen sind […]. Also ist vollkommen klar, welche individualisierten Ansprachen der Daten-Hort ermöglicht. Dass diese Möglichkeiten nicht nur zum Verkauf von Produkten genutzt werden, war mir klar.Rege mich also auch nicht so auf.“
Die gegenwärtige Hysterie hat viel mit Politik zu tun und wird durch das gegenwärtige politische Klima in den USA befeuert. Tatsächlich ist nämlich die Nutzung von Apps auf Facebook zum Abgreifen von User-Informationen für politische Zwecke nicht ganz neu. Im Jahr 2012 machte die Obama-Kampagne genau das gleiche, nur im grösseren Ausmass. Die App war allerdings nicht als Persönlichkeitsquiz ausgelegt, sondern von Anfang als politisches Tool ausgelegt. Auch hier wurden Daten von bis zu 190 Millionen Menschen von der Obama-Kampagne abgegriffen, die nichts davon ahnten - sie waren nur Facebook-Freunde jener Million User, die die App heruntergeladen hatten. Die Medien fanden das damals durchgehend ganz toll - und feierten die Tatsache, dass Social Media von Obamas Team auf derartig geniale Weise genutzt wurde.     
Die Zeiten haben sich geändert - und der Amtsinhaber im Weissen Haus ebenfalls. Das hat zum Stimmungsumschwung beigetragen.

Sunday, June 9, 2013

Wir leben im Jahr 2013 - nicht 1984

George Orwell hat in seinem Roman „1984“ eine düstere Zukunft gemalt; jene des totalen Überwachungsstaates. Wir leben heute mit Sicherheit nicht in jener dystopischen Welt, die Orwell 1949 beschrieben hat. In diesem Sinne ist 1984 nicht 2013. Aber die Überwachung in der digitalen Gesellschaft hat Ausmasse angenommen, über die wahrscheinlich auch Orwell gestaunt hätte.

2013 ist nicht "1984" - eine der düstersten
literarischen Welten überhaupt. Aber die
Überwachungskapazitäten in der digitalen
Gesellschaft haben ein Ausmass angenommen,
über das wohl auch George Orwell gestaunt hätte.
Inzwischen haben Sie es auch schon mitbekommen: Dank eines „Whistleblowers“ wissen wir, dass die Amerikanische NSA (National Security Agency) in gewaltigem Umfang Daten sammelt: Es geht um Telefon- und Handygespräche, aber auch um Einträge auf Facebook, Twitter und YouTube, sowie um Internet-Kommunikationen wie E-Mails. Rund 80 Milliarden Dollar gebe die Obama-Administration jährlich aus, um diese Daten elektronisch zu sichten – alles zum Zwecke der Terrorbekämpfung. Zitat aus der NZZ:
“Die National Security Agency (NSA), die speziell zur Überwachung der elektronischen Kommunikation geschaffen wurde und heute zu einem der grössten Geheimdienste der Welt gewachsen ist, hat auch Zugang zu allen grösseren Internetdiensten und kann dort E-Mails, Nachrichten, Bilder, Kundenverhalten und Chats auswerten. Die «Washington Post» und der «Guardian» berichteten praktisch gleichzeitig und auf der Basis der gleichen Powerpoint-Präsentation über ein bisher geheimes Programm namens «Prism» (Prisma), mit dessen Hilfe die NSA direkt auf die Server von Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, Youtube, Skype, Apple und anderen zugreifen könne…“
Das war vor einigen Tagen. Heute nun hat sich die Quelle dieser Angaben zu erkennen gegeben. Es handelt sich um Edward Snowden, einen jungen Techniker, der für die NSA tätig war, und sein Wissen über diese Aktionen nicht mehr für sich behalten wollte:
«Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht», sagte Snowden dem «Guardian». «Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles was ich mache und sage aufgenommen wird.» Er beschrieb eine noch grössere Dimension der Datensammlung als die von ihm enthüllten Dokumente andeuten: «Die NSA hat eine Infrastruktur aufgebaut, die ihr erlaubt, fast alles abzufangen.» Damit werde der Grossteil der menschlichen Kommunikation automatisch aufgesaugt. «Wenn ich in ihre E-Mails oder in das Telefon ihrer Frau hineinsehen wollte, müsste ich nur die abgefangenen Daten aufrufen. Ich kann ihre E-Mails, Passwörter, Gesprächsdaten, Kreditkarteninformationen bekommen...»
Das sind ja tolle Aussichten!
Die gute Nachricht in diesem Szenario ist die Tatsache, dass die grossangelegten Abhöraktionen gemäss US-Regierung bereits einen Terroranschlag in der New-Yorker-U-Bahn verhindert haben.
Die schlechte Nachricht ist die Tatsache, dass es wohl nie mehr gelingen wird, den digitalen Geist in seine Flasche zurückzuschicken – das heisst, den digitalen Überwachungsstaat zurückzubinden. Die fast totale digitale Überwachung ist technisch möglich geworden – also wird es sie auch geben. Vielleicht nicht hier und heute, aber sicher dort - und wenn nicht heute, sicher morgen. Da werden auch Proteste, Gesetze und Gerichtsurteile nichts dagegen ausrichten können.

Sunday, September 13, 2009

Die Medien, das Internet und die Glaubwürdigkeit

Das digitale Zeitalter setzt den “alten“ Medien schwer zu. Zeitungen und Fernsehstationen verlieren Leser, Zuschauer und Werber, unter anderem deshalb, weil immer mehr Medienkonsumenten finden, dass sie sich im Internet besser und präziser informieren können. Eines ist sicher: Einseitige, ungenaue oder unausgewogene Berichterstattung wird im Web gnadenlos aufgedeckt – wenn man weiss, wie man da zuverlässige Informationen finden kann.

Das Internet sei ein “Dschungel der Mittelmässigkeit“, voll von “Schwachsinn und Schrott“, gab kürzlich der Chef des grössten Schweizer Verlages, Michael Ringier, zum Besten. Man kann es ihm nicht mal übelnehmen. Ringier ist nicht der einzige Verleger, der versucht, seinen Laden digitaltauglich zu machen, bevor allzu viele Leser in den weitgehend kostenlosen, unendlichen Dimensionen des Web-Dschungels mehr Nutzen finden, als in den traditionellen Zeitungen. Weitaus grössere und angesehenere Zeitungen als der “Blick“ mühen sich ab, einen Weg zurück in die vor-digitale Profitabilität zu finden – die New York Times ist nur eines der zahlreichen illustren Opfer der neuen Realität. Gründe für die Einbussen der “alten“ Medien gibt es einige. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Gesellschaft immer stärker fragmentiert ist: Jede Interessengruppe hat ihren Blog, jeder Ideologe seine Video-Kolumne. Doch es gibt einen noch wichtigeren Grund: Das Internet zeigt gnadenlos auf, dass die Medien nicht ganz so genau sind, wie sie es sein möchten. Da lesen wir zum Beispiel heute im Tagesanzeiger:
“30'000 Menschen versammeln sich am Samstag in Washington, um gegen Barack Obamas Politik zu demonstrieren.“
30'000 ist eine ziemlich genaue Zahl. Trotzdem würde es dem Tagi wohl niemand übelnehmen, wenn sich herausstellen würde, dass es sich um 35'000 oder gar 40'000 Demonstranten gehandelt hätte. Umsomehr als die NZZ es nicht wagt, eine bessere Schätzung aufzustellen:
“Mehrere zehntausend Demonstranten haben in Washington gegen die Politik von Präsident Barack Obama protestiert.“
Unklar wird die Lage für jene User, die auch noch andere Zeitungen lesen – was dank Internet heute problemlos möglich ist. Zum Beispiel die britische Daily Mail:
“Up to two million people marched to the U.S. Capitol today […] as they protested the president's health care plan and what they say is out-of-control spending.”
Haben wir das richtig gelesen? Bis zu zwei Millionen Menschen waren da am Protestieren? Nicht nur 30'000, nicht “einige Zehntausend“? Ausser der Mail haben auch andere Medien von mehr als einer Million Demonstranten berichtet, neben zahlreiche Blogs auch eine der grossen US-Fernsehstationen. Doch die meisten Medien beliessen es bei der Formulierung von “einigen Zehtausend“ (“tens of thousands of conservative protesters“), auch nachdem klar geworden war, dass es sich eher um einige Hunderttausend gehandelt hat. Doch wie viele Demonstranten waren es denn nun wirklich? Eine kurze Google-Suche führt uns zu Charlie Martin, einem Computer Wissenschaftler aus Colorado, der die Zahl errechnen will:
"I did a back-of-envelope based on the photos and reports. A pretty dense crowd is about 1.8 people per square meter, and the National Mall alone is about 125 hectares, 1.25 million square meters. So that would be 2.3 million people…”
Ob es sich nun um 500’000, 1’000’000 oder 2’300'000 Demonstraten gehandelt hat, wissen wir nicht. Klar ist, dass es nicht 30'000 und auch nicht nur einige 10'000 waren. Was beweist: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser. Und das Internet macht’s möglich!