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Friday, June 14, 2013

Wie viel Werbung will (braucht) der Mensch?

Es gibt ein modernes Medium, dass es dem Konsumenten möglich macht, Inhalte zu konsumieren, ohne dass er gleichzeitig oder zwischendurch auch mit Werbebotschaften zwangsgefüttert wird. Natürlich: das Internet. Wer auf seinem PC werbeblockierende Software installiert hat, wird vom Dröhnen der Werbetrommeln verschont. Inzwischen sind das Millionen von Anwendern, und die Werbewirtschaft, die im vordigitalen Zeitalter nie mit diesem Phänomen zu kämpfen hatte, ist einigermassen ratlos.

Wer einmal für längere Zeit in Nordamerika TV-Angebote konsumiert hat, weiss, wie ungemein lästig und störend Fernsehwerbung sein kann. Abgesehen vom niedrigen Produktions- und Informationswert den viele Werbeproduktionen aufweisen, ist es ganz einfach unglaublich mühsam, wenn eine 30minütige Sendung fünfmal unterbrochen wird und dabei etwa 10 Minuten Werbung serviert werden. In der Schweiz ist es noch nicht so schlimm, aber Werbung wird auch hierzulande von vielen Medienkonsumenten höchstens noch als notwendiges Übel angesehen. Genau auf dieses Thema geht Rainer Stadler, der NZZ-Medienkolumnist in seinem neusten Artikel ein. Unter dem Titel “Konsumenten als gestopfte Gänse“ lässt er seine Verwunderung als Zeitungsmann durchscheinen, dass immer noch so viel Geld für Fernsehwerbung ausgegeben wird – obwohl der Nutzen nicht belegt werden kann – im Gegenteil. Zitat:
“Welcher Zuschauer ist bereit, TV-Spots während quälend langer Werbeunterbrechungen anzuschauen? Die öffentliche Klage ob solcher täglicher Exzesse ist alt, doch kann man sie inzwischen nicht mehr als Marotte von ein paar vergrämten Kulturkritikern ignorieren. Das Internet macht das Ausmass der Abneigung gegenüber Werbebotschaften sichtbar. Vor einem Monat wiesen deutsche Presse-Websites ihr Publikum darauf hin, wie wichtig Werbung als Treibstoff für die Informationsmedien sei. Dies verbanden sie mit der Bitte an die Besucher, keine Werbeblocker auf ihren Geräten zu installieren. Die Aktion bewirkte das Gegenteil. Weitere Nutzer montierten Blocker. Die Zahl der Werbeabstinenzler ist überraschend hoch. Einige Websites registrieren offenbar bei den Seitenaufrufen eine Werbeverweigerungsquote von über 50 Prozent. Das Open-Source-Projekt Adblock Plus schreibt, sein Programm werde von 40 Millionen Personen verwendet…“
 Tatsächlich scheinen das schlechte Aussichten für die Werbeindustrie zu sein. Wenn Zwangsfütterung das Erfolgsrezept ausmacht, ist wohl etwas falsch gelaufen. Währendem feiert sich die Werbeindustrie wiedermal in Cannes, am internationale Werbefestival. Und tatsächlich, da gibt es zwischendurch sogar Originelles, Gescheites und Informatives, das man sich ausnahmsweise sogar freiwillig ansehen würde – mit Betonung auf ausnahmsweise.

Bis dahin verlassen wir uns auf die Software (erhältlich für Internet Explorer wie auch für andere Browser), die uns vor kommerzieller kultureller Belästigung schützt. Sie funktioniert hervorragend, spart Zeit und Nerven und hat auch schon dazu geführt, dass Werbung nicht mehr durch Zwang an den Konsumenten gebracht wird – wie viele virale Werbespots beweisen, die von Millionen von Menschen völlig freiwillig konsumiert werden, zum Beispiel weil sie witzig sind.

Wednesday, March 16, 2011

Medien und Katastrophen im digitalen Zeitalter

Die Erdbeben/Tsunami/Nuklearkatastrophe in Japan hat gezeigt, dass die Medien mit wenigen Ausnahmen ihre Rolle im digitalen Zeitalter noch nicht gefunden haben. Die Katastrophe führte (und führt immer noch) zu einer ständigen Flut von sensationellen, ungeprüften, gegensätzlichen, widersprüchlichen und auch total falschen Meldungen.

Eigentlich müsste man meinen, dass die Japanische Katastrophe schlimm genug sei, ohne dass sie die Medien noch verstärken. Doch unsinnige Schlagzeilen, wie “Schnee aus der Atomwolke“ auf Blick-Online, demonstrieren das Gegenteil. Natürlich gibt es Medien, von denen die Konsumenten nicht viel anderes erwarten als Sensationalismus und fette Schlagzeilen, die es nicht allzu genau nehmen.  Es ist aber auch der 24-stündliche News-Zyklus, der dazu geführt hat, dass die digitale Informationsmachine ununterbrochen gefüttert sein will – da bleibt schlicht und einfach keine Zeit mehr, sich ein klares Bild der Situation zu machen. Umso verworrener ist das Resultat. Wer versucht hat, sich seit dem Tag der Katastrophe in Japan zum Beispiel per Internet auf dem Laufenden zu halten, wurde von einer riesigen Flut von widersprüchlichen Meldungen auf eine emotionelle Achterbahn geschickt, die fast nur Verwirrung und Furcht hinterlässt. Diese Verwirrung färbt dann auch auf sogenannte Experten ab, wie zum Beispiel den CVP-Nationalrat Pirmin Bischof, der im Verwaltungsrat Kernkraftwerk Gösgen AG sitzt, und im Club von SF1 zum besten gab, dass es schon schlim sei, “was Menschen anrichten“ könnten, und etwas später noch bemerkte, das es sich ja eigentlich beim Jahrtausenderdbeben und dem Supertsunami um “ganz banale Ursachen“ für die nukleare Nachfolgekatastrophe handle.
Das einzige was sicher ist: Es ist eine Katastrophe passiert, die immer noch im Gang ist und die verheerende Folgen hat. Um auf diesen Informationsstand zu kommen, hätte es aber auch gereicht, erst heute die Zeitung zu lesen oder ein Nachrichtenbulletin zu hören. Es gab einige wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die NZZ, das Wall Street Journal und den London Telegraph, die in den letzten Tagen versucht haben, mit erklärenden Hintergrundartikeln die Wertung der apokalyptischen Schlagzeilen zu erleichtern. 
Wir sind übrigens nicht allein in unserer Bewertung der Mediensituation. Rainer Stadler, der Medienexperte der NZZ, schreibt:
“Unerwartete Grossereignisse mit unklarer Faktenlage sind Gift für das Mediensystem. Das zeigt sich erneut bei der jüngsten Katastrophe in Japan. Der Erwartungsdruck, Informationen zu verbreiten, wächst viel rascher als die Chance, überhaupt gesichertes Wissen beschaffen zu können. Zudem können die Medienhäuser ihre Sendekapazitäten viel schneller hochfahren, als sie ihre Gefässe mit verlässlichen Informationen zu füllen vermögen. Die Diskrepanz zwischen technischem Potenzial und Produktsicherheit war am Samstag, also einen Tag nach dem Erdbeben in Japan, besonders auffällig. Das wachsende Angebot von Online-News hat den Zwang zur Aktualität noch einmal verschärft. So verwundert es wenig, wenn klassische journalistische Regeln – «get it first, but first get it right» – an Bedeutung verlieren. Tagesanzeiger.ch etwa meldete am Samstagmittag eine Kernschmelze in Japan, relativierte dann die Aussage mit dem Modalverb «sollen», um später nachzuschieben, es gebe dazu unklare News…“