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Monday, June 24, 2019

Herausfinden, wo der Hass anfängt

Man müsse den Social Media Zügel anlegen, sie müssten viel stärker reguliert werden. Das ist eine Forderung, die von vielen Politikern und erstaunlicherweise auch von vielen Medien gestellt wird. Allerdings ist die Zensur der User auf Facebook, Twitter und Co. nicht ganz einfach: nicht immer ist klar, wo der Hass anfängt, und die Normalität aufhört.

Wenn man der Medienberichterstattung glauben darf, sind es zuerst einmal die arme Seelen, die zu Tausenden für Facebook-Subunternehmer arbeiten, um die unakzeptablen Inhalte auszusortieren, die wissen, was Hass wirklich heisst. Sie werden direkt mit dem Abscheulichsten konfrontiert, was die digitalisierte Menschheit zu bieten hat, und das hat Folgen:
“Zuerst störte es mich nicht - aber nach einer Weile fing es an, mich negativ zu beeinflussen", sagte Michelle Bennetti, eine ehemalige Mitarbeiterin im Büro Tampa. "Ich fühlte eine Wolke - eine Dunkelheit - über mir. Ich fing an, deprimiert zu werden. Ich bin normalerweise ein glücklicher, aufgeschlossener Mensch, doch ich zog mich zurück. Meine Angst stieg. Es war schwer, das jeden Tag zu überstehen. Es fing an, mein Privatleben zu beeinflussen." Die Einzelheiten des Berichts [über den Moderatorenjob] sind bestenfalls eine düstere Darstellung der schmutzigen und chaotischen Bedingungen am Arbeitsplatz und schlimmstenfalls ein beunruhigender Einblick in die psychologische Belastung durch den Job.“ (gizmodo.com)
Aber neben diesen Auswüchsen, die sogar jene Menschen krank machen, die sie zensurieren müssen, wie können hasserfüllte Postings erkannt und gelöscht werden? Und ist dies überhaupt notwendig?
Die zweite Frage wird in Europa viel eher mit einem klaren Ja beantwortet, als in den USA, wo die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit in der Verfassung festgeschrieben ist.  Aktuell hat gerade der Autor Daniel Friedman auf Quillette.com ein ausführliches Essay zum Thema publiziert - unter dem Titel: How Free Speech Dies Online (wie die Redefreiheit Online stirbt). Europa hingegen lauscht dieser Tage, was der frühere stellvertretende britische Premier Nick Clegg zum Thema zu sagen hat (siehe untenstehendes Video), der inzwischen zum vielfach besser bezahlten aber nicht minder undankbaren Job eines Facebook-Öffentlichkeitsbeauftragten und in die USA gewechselt hat:
“Facebook will reguliert werden", sagte Cheflobbyist Nick Clegg bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Deshalb werde gerade ein unabhängiges Aufsichtsgremium entwickelt. Wie das konkret aussehen soll und wer Teil des Gremiums sein wird, hat Clegg nicht weiter ausgeführt. Aber er sprach davon, dass es "transparente und bindende" Entscheidungen treffen soll. Nach Informationen des ZDF könnten in diesem Gremium in Zukunft 40 Mitglieder aus der ganzen Welt sitzen, darunter auch Wissenschaftler und Journalisten. Sie sollen strittige Fragen beantworten, die ihnen Facebook-Nutzer stellen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, ob Hasskommentare konsequent gelöscht werden sollen oder ob sie online bleiben, aber mit einem Warnhinweis versehen werden sollen. Eine andere Möglichkeit wäre, den Kommentaren Reichweite zu entziehen, in dem sie kaum noch Nutzern angezeigt würden. Um sich über ein mögliches Gremium auszutauschen, gab es laut Clegg Experten-Treffen rund um den Globus, unter anderem in Singapur, Nairobi, Mexiko, New York und Berlin. "Die fundamentale Frage ist: Wie soll das Internet aussehen? Das ist eine der entscheidenden gesellschaftlichen Debatten", sagte Nick Clegg, der von 2010 bis 2015 britischer Vize-Premierminister war. Die Welt habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. In einer neuen Welt, brauche es auch neue Regeln.“ (heise.de)
Es ist anzunehmen, dass auch die pluralistisch zusammengestellten neuen Regeln für die schöne neue digitale Welt das Hauptproblem nicht lösen werden: Wo soll der Zensurhebel angesetzt werden - und wer bestimmt,  wo diese Grenzen liegen, ohne dass mit politischen Ellen gemessen wird?

Monday, February 4, 2019

Facebook mit 15: ungebremst trotz Gegenwind

Vor 15 Jahren gegründet, in Hollywood schon gross rausgekommen, und von einem Viertel der Weltbevölkerung genutzt: Facebook kann sich über Erfolg nicht beklagen. Heute ist das Unternehmen 485 Milliarden Dollar wert - und wer in der Politik Rang und Namen hat, steht Facebook kritisch gegenüber - denn Erfolg misst sich schliesslich auch daran, wieviel Feinde man sich in kurzer Zeit machen kann. 

“Wenn ein Geschäftsmodell von Täuschung und Apathie abhängt, verdient es zu scheitern“, hat ein profilierter  Datenschützer und Anwalt kürzlich mit Bezug auf Facebook gesagt. Gemeint hat Nate Cardozo damit die Tatsache, dass die Facebook-Nutzer bereitwillig - und zum grössten Teil wohl auch apathisch - ihre Daten teilen, und Facebook damit viel Geld verdient. Über genau diesen Kritiker braucht sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg allerdings momentan keine Sorgen mehr zu machen: Es gelang ihm nämlich, Cardozo als Berater einzustellen. Zuckerberg scheint sich an ein machiavellistisches Erfolgsrezept zu halten: Halte deine Freunde nahe und deine Feinde näher. Das hat er schon mit dem ehemaligen britischen Politiker Nick Clegg demonstriert, der letztes Jahr zum grossen Ärger seiner Gegner vom Facebook-Kritiker (und Wahlverlierer) in England zum Facebook-Manager mit Millionengehalt im Silicon Valley mutierte. Obwohl es, schon rein optisch, seltsam anmutet, Mark Zuckerberg und Machiavelli in einem Atemzug zu nennen, darf doch gesagt werden, dass der Harvard Studien-Abbrecher Zuckerberg, nachdem er am 4. Februar 2004 Facebook aus seinem Schlafsaal in Harvard lanciert hatte, eine enorme Erfolgsstory hingelegt hat, die, wie die Winklevoss Zwillinge belegen können, schon sehr früh machiavellistische Winkelzüge aufwies. Mark Zuckerberg galt schon drei Jahre nach der Gründung als jüngster Selfmade-Milliardär - er war damals 23 Jahre alt. Nur acht Jahre nach der Gründung  gab das Unternehmen an, dass Facebook von einer Milliarde Menschen genutzt werde. 2012  brachte Zuckerberg das Unternehmen an die Börse und wurde noch viel reicher. Heute besitzt der 34jährige ein geschätztes Vermögen von weit über 50 Milliarden Dollar.  
Facebook hat schon seit Jahren zahlreiche und scharfe Kritiker, die immer wieder den mangelnden Schutz der Nutzerdaten, die von Facebook ausgewertet werden, monieren. Allerdings scheint es, dass solche Kritik kaum von Facebook-Nutzern, sondern von Aktivisten und Politikern kommt, die, je nachdem auf welcher Seite des politischen Spektrums sie sich befinden, Facebook in verschiedener Weise zurückbinden möchten. Das war auch nach dem Skandal um Cambridge Analytica der Fall. Facebook hatte dem Unternehmen private Nutzerdaten zur Analyse zur Verfügung gestellt. Ebenfalls ein beliebtes Thema bei Facebook-Kritikern: Fake News und die Rolle, welche die Social Networks dabei einnehmen. Diese Kritik, die von den Massenmedien durchaus verbreitet wird, scheint allerdings die Facebook-Population nicht zu irritieren. Die neusten Zahlen sprechen für sich selbst: Facebook hat mehr als 2,3 Milliarden Nutzer, 1,9 Milliarden Menschen sind täglich dabei. Trotzdem hat Facebook ein Problem, das nicht mit dem Datenschutz, sondern vielmehr mit dem Image des Unternehmens zusammenhängt. Seine Nutzer werden immer älter. Noch 2011 nutzten rund 80 Prozent der 14 bis 19jährigen Facebook. 2017 waren es nur noch knapp über 60 Prozent. Im Gegenzug wuchs die Zahl der Alten (60 Jahre und älter) stark an. 2011 waren es knapp 40 Prozent der Online-Senioren, die Facebook nutzten. 2017 schon über 70 Prozent.
Die Nutzer bleiben Facebook also treu - trotz Skandalen und Quasi-Skandalen. Die Werbeerlöse liegen inzwischen bei fast 17 Milliarden Dollar, und der Aktienkurs hat sich auch wieder erholt. Wer allerdings die Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters kennt, wird mit Bestimmtheit keine Wetten darauf annehmen, wie Facebook im Februar 2034, am dreissigsten Geburtstag dastehen wird.

Monday, October 22, 2018

Politik, Facebook und ein Job, der sich lohnt

Als ob Facebook nicht schon genug Image-Probleme hätte: Jetzt holt sich das Unternehmen auch noch einen früheren britischen Politiker in die Teppichetage. Dieser kam gerne: Verglichen mit seinem früheren Job verdient er beim Social-Media-Konzern ein Vielfaches (von mehr als fünf Millionen US-Dollar pro Jahr ist die Rede) um das Unternehmen in der Öffentlichkeit gut aussehen zu lassen. Die Frage ist nur: Was spricht dafür, dass ihm das gelingen wird.

Nick Clegg: Vom Politiker und Wahlverlierer in die Chefetage von Facebook.
                                                                                      Bild WEF/Moritz Hager
Über Nick Clegg sprach man in Grossbritannien nicht mehr so viel - bis heute. Seine Zeit im Rampenlicht endete nach den Parlamentswahlen im Jahr 2015, als seine Partei, die Liberaldemokraten, die für fünf Jahre eine Regierungskoalition  mit den Konservativen gebildet hatte, 49 von 57 Sitzen verlor. Mr. Clegg verlor als Folge seinen nicht sehr einflussreichen aber doch gut klingenden Titel als Vize-Premier und seine Rolle als Parteivorsitzender. Bei den Wahlen im Jahr 2017 verlor er schliesslich auch noch seinen Sitz im Parlament an eine Vertreterin der Labour-Partei.
Aufgrund dieses Leistungsausweises  scheint also nicht ganz klar zu sein, wieso er seinen hochdotierten PR-Posten bei Facebook bekam - auch wenn verschiedene Europäische Medien es völlig selbstverständlich finden, dass ein hohes Regierungsamt zu einem hochdotierten Posten in der Privatindustrie führt - wie zum Beispiel die Zeit:
“Auf den Liberaldemokraten warten große Aufgaben: Seit Bekanntwerden des Datenskandals, bei dem die Analysefirma Cambridge Analytica die Informationen von 87 Millionen Mitgliedern missbrauchte, um im US-Präsidentschaftswahlkampf Donald Trump zu unterstützen, steht Facebook in der Öffentlichkeit unter Druck. Immer wieder werden Rufe nach einer schärferen Regulierung laut. Mit der Verpflichtung von Clegg überraschte Facebook die Branche. Wie die BBC berichtet, soll das Engagement des Briten auf Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Vorstandschefin Sheryl Sandberg zurückgehen. Auch die Financial Times schreibt, Clegg sei von Zuckerberg und Sandberg monatelang umworben worden. Der Facebook-Gründer habe ihm schließlich zugesichert, dass er massgeblich die Strategie des Online-Netzwerks mitgestalten wird.“
Es gibt allerdings auch Journalisten, vor allem im Vereinigten Königreich, welche die Angelegenheit etwas kritischer sehen. Der Guardian, zum Beispiel, beschuldigt Clegg, geldgierig zu sein und titelt: “Wenn du den Zuckerberg-Schilling nimmst, lässt du deine Prinzipien hinter dir“. Und weiter:
“Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job. Endlich echte Macht. Was war schon stellvertretender Premierminister. Sie sind jetzt Vizepräsident für globale Angelegenheiten und Kommunikation bei Facebook, einem Unternehmen, das, wie Mark Zuckerberg betont, weniger ein traditionelles Unternehmen als ein ausgewachsener Nationalstaat ist. Und nicht irgendein Nationalstaat - der mächtigste Nationalstaat der Welt, der 2 Milliarden Menschen beherbergt und bei keine unbequeme Wahlen gibt, die den "Fortschritt" bremsen. Wenn Sie dem obersten Anführer in den Arsch kriechen, sind Sie ein gemachter Mann. Betrachten Sie es als eine Art Koalition, gebildet im Jahr 2022 in Pjöngjang…“
So wie es aussieht, hat der zu PR-Mann mutierte Politiker bei Facebook eine schwierige Aufgabe vor sich. Zumindest kann er da nicht abgewählt werden.