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Thursday, May 12, 2016

Die digitale Gesellschaft lässt Ihr Gehirn "schrumpeln

Das Internet bilde das Gehirn um, haben Bildungsforscher schon vor Jahren argumentiert (und wir haben hier darüber berichtet). Wissenschaftler, die sich mit der Hirnforschung befassen, wissen inzwischen, dass das wahr ist. Das digitale Gehirn ist nicht dasselbe, wie das vordigitale.

Smartphones - hier das iPhone 6s - werden immer leistungsfähiger. Das Hirn
scheint sich gegenläufig zu entwickeln.                                eenshot via  Apple
Der Gehirnforscher Manfred Spitzer hat schon vor Jahren ein ganzes Buch zum Thema “Digitale Demenz“ geschrieben. Vor allem Jugendliche seien besonders gefährdet, warnte er:
“In Koreas junger Generation sind heute zwölf Prozent internet- und computersüchtig, haben also ernste Probleme damit, längere Zeit offline zu gehen. In Deutschland sind es laut dem Suchtbeauftragten der Bundesregierung drei bis vier Prozent, wobei 250‘000 als süchtig und 1,4 Mio. als Risikofälle gelten. Das sind sehr viele junge Menschen, die am liebsten 18 Stunden pro Tag im Web wären und ihr Leben dabei nicht im Griff haben. Das ist schlimm für die Zukunft eines Landes und fatal für die Betroffenen selbst, wie ich aus entsprechenden Erfahrungen mit meinen Patienten gelernt habe.“
Nun legt ein anderer Spezialist nach; Gerald Hüther, Professor für Neurobiologe an der Universität Göttingen befasst sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. In einem NZZ-Artikel  unter dem Titel: “Digitale Abhängigkeit: Mehr Hirn, bitte“ haut er sehr überzeugend und ausführlich in die gleiche Kerbe. Auch er weist daraufhin, dass die Digitalisierung vor allem jugendliche Gehirne besonders beeinflusst:
“Los geht es meist damit, dass man sich keine Telefonnummern mehr merken kann. Die sind ja im Handy oder im Smartphone gespeichert. Adressen und Namen auch. Wer irgendwohin will, nutzt sein GPS, und wenn das jemand lange genug so gemacht hat, können die Neurobiologen dann eine Schrumpfung des dorsalen Hippocampus in seinem Gehirn beobachten, also derjenigen Hirnregion, die für den räumlichen Orientierungssinn zuständig ist. Nutzungsabhängige Plastizität nennen das die Hirnforscher. Was nicht mehr regelmässig im Hirn genutzt wird, schrumpelt eben allmählich weg. Manche Vernetzungen werden bei intensiver Nutzung digitaler Medien auch intensiver beansprucht und deshalb entsprechend stärker ausgebaut. Etwa diejenigen, die bei der Bedienung eines Handys für die Regulation der Daumenbewegungen zuständig sind, oder die für die Hand-Augen-Koordination, wenn jemand viel mit seiner Computermaus arbeitet. Sinnvoll sind diese Anpassungen allemal, sie erleichtern dem Hirn die Arbeit, und so wird dort oben Energie gespart. Was nicht mehr regelmässig im Hirn genutzt wird, schrumpelt weg.
Und sehr zweckmässig ist es auch, dass diese «nutzungsabhängige Plastizität» des Gehirns während der Phase der Hirnentwicklung, also bei Kindern und Jugendlichen, besonders stark ausgeprägt ist. Je jünger also die Personen sind, die ihr Hirn mithilfe dieser das eigene Nachdenken und Erinnern erleichternden Geräte entlasten, desto stärker passt sich die innere Organisation ihres Gehirns an diese Art der Nutzung an.“
Diese Anpassungsfähigkeit des Gehirns wird sich gemäss Professor Hüther auf das Zusammenleben in der digitalen Gesellschaft auswirken.  Besonders schnell und nachhaltig entwickelten sich nämlich Abhängigkeiten dann, wenn digitale Medien zur Affektregulation eingesetzt würden. Jedes Gefühl und jedes seelische Bedürfnis, das aus irgendwelchen Gründen in einem Menschen wach werde, lasse sich inzwischen digital und virtuell ohne grosse Anstrengung ausleben und stillen, schreibt er.
Vielleicht ist es dann plötzlich einfacher und lohnender, das lange Wochenende mit dem Smartphone statt mit einem menschlichen Begleiter zu verbringen…

Monday, March 16, 2015

Smartphone - oder eher Dummphone?

Dass die übermässige Nutzung von Smartphones der menschlichen Intelligenz nicht zuträglich ist, wird durch wissenschaftliche Studien untermauert. Das Schlagwort “Digitale Demenz“ macht schon seit längerer Zeit die Runde – auch wir haben darüber berichtet. Eine neue Kanadische Studie hat nun bestätigt, dass die ständige Verfügbarkeit von digitalen Informationen denkfaul macht und sich womöglich sogar negativ auf die Intelligenz der Nutzer auswirkt.

Eines der zahlreichen Bücher, dass sich mit dem Einfluss 
digitaler Medien auf das Gehirn befasst. Bild Amazon
Das menschliche Gehirn ist äussert anpassungsfähig. Es ist zum Beispiel so flexibel, dass es Fakten nicht mehr oder nur eingeschränkt abspeichert, wenn es weiss, wo es diese Fakten abrufen kann. Diese Tatsache wurde schon vor mehreren Jahren durch ein Team um die Psychologin Bettsy Sparrow an der Columbia Universität in den USA wissenschaftlich nachgewiesen, und die Experten streiten sich darüber, ob die Verfügbarkeit eines externen digitalen Gedächtnisses positiv oder negativ zu werten ist:
“Sparrows Studie zeigt, wie flexibel unser Gehirn ist, wenn es um die Anpassung an unsere Werkzeuge geht", zitiert Technology Review den Autor Nicolas Carr , dessen Buch The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains gerade für den Pulitzerpreis nominiert ist. Allerdings sieht Carr diese Anpassung nicht positiv: "Es ist wirklich wichtig, dass es einen Unterschied zwischen externem und internem Gedächtnis gibt", sagt er. "Wenn man etwas nicht verinnerlicht, dann wird das Verständnis weniger persönlich, weniger unverwechselbar und in letzter Konsequenz oberflächlicher."
Sparrow selbst sieht diesen Prozess hingegen positiv. Unser Gedächtnis passe sich dem Internet an, genau wie es sich in der Vergangenheit auch an andere "Technologien" angepasst habe, beispielsweise an das geschriebene Wort.“
Die Forscher an der Kanadischen Universität in Waterloo sehen die ständige Verfügbarkeit von Google und Co. auf mobilen Geräten nicht positiv – im Gegenteil:
“Mit Smartphones haben User ständig all das Wissen im Internet griffbereit. Das bedeutet eine Versuchung, Infos einfach zu suchen, anstatt tatsächlich zu denken. Drei Studien mit insgesamt 660 Teilnehmern haben gezeigt, dass dieser Versuchung vor allem jene Menschen erliegen, die normalerweise eher intuitiv vorgehen. Sie werden also denkfaul und setzen stattdessen auf das Smartphone als Gehirn-Erweiterung. Im direkten Vergleich dazu verbringen Personen mit ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten, die eher zu analytischem Denken tendieren, viel weniger Zeit mit der Smartphone-Suche. Smartphone-Googeln macht den Forschern zufolge denkfaul, möglicherweise aber noch mehr als das. "Unsere Forschungsergebnisse stützen einen Zusammenhang zwischen intensiver Smartphone-Nutzung und geringerer Intelligenz", erklärt Gordon Pennycook, einer der Forscher. Dass Smartphones dumm machen, wollen die kanadischen Psychologen so aber zumindest noch nicht sagen. Denn ob es wirklich zu einer Intelligenzminderung kommt, sei eine ungeklärte Frage, an der noch weiter geforscht werden müsse. Das Team hält es jedenfalls für möglich, dass sich Smartphone-bedingte Denkfaulheit negativ auf den Alterungsprozess auswirkt…“
Das sind schlechte Aussichten, und wenn man sich näher mit dem Thema befasst, werden sie nicht besser. Manfred Spitzer, der Autor des Buches “Digitale Demenz“ gab in einem Interview Folgendes zu Protokoll:
“Studien belegen, dass jemand gegoogelte Inhalte mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Gehirn abspeichert als jemand, der sie auf andere Weise sucht. Oder etwa bei der Orientierung: Wir lagern sie an das Navigationsgerät im Auto aus - und dürfen uns nicht wundern, dass wir selbst immer schlechter navigieren. Ähnliches gilt für Geburtstage, Telefonnummern, Kopfrechnen oder die Rechtschreibung. Passiert weniger im Gehirn, lernt man weniger, und die Gehirnwindungen bilden sich weniger aus. […] Bei uns verbringen Jugendliche täglich doppelt so viel Zeit mit Medien als mit dem gesamten Schulunterricht. Als Folge werden wir oberflächlicher, gehen Dingen weniger auf den Grund, zudem wuchern Aufmerksamkeitsstörungen und Vereinsamung, da direkte Sozialkontakte durch Social-Media abnehmen.“

Thursday, June 27, 2013

Gibt es die “digitale Demenz“?

Mit digitaler Demenz sind nicht jene Internet-User angesprochen, die ihre Zeit damit verbringen, vollkommen idiotische Kommentare zu aktuellen Zeitungsartikeln ins Netz zu stellen. Nein, es geht um einen klinischen Befund. In Südkorea, einem der technologisch fortschrittlichsten Länder der Welt, melden Ärzte eine starke Zunahme digitaler Demenz, einer Krankheit, von der vor allem junge Menschen betroffen seien. Die Ursache liege im übermässigen Gebrauch von Smartphone, Tablets und Computers. Dadurch werde das Gehirn in seiner Entwicklung beeinträchtigt und es entstünden Schäden, die nicht mehr behoben werden können.

Auch ein Buch zum Thema gibt es schon,
geschrieben vom Mediziner, Psychologen und
Philosophen Manfred Spitzer. 
Laut einem Bericht im Londoner Telegraph wird digitale Demenz allerdings nicht dadurch verursacht, dass man mal ein paar Stunden am PC oder am PC hängt. Da braucht es schon ein wenig mehr dazu: 
“Ärzte in Südkorea berichten, dass sich die Situation zu verschlimmern scheint. Ein Grund dafür: Die Zahl der Jugendlichen, die zwischen 10 und 19 Jahre alt sind und ihr Smartphone jeden Tag mehr als sieben Stunden nutzen, ist auf 18, 4 Prozent angestiegen“ (Übersetzung durch die Redaktion).
Mit anderen Worten: Fast ein Fünftel der Südkoreanischen Jugendlichen sind mehr als sieben Stunden täglich mit ihrem Smartphone beschäftigt! Spezialisten gehen davon aus, dass dieses Verhalten böse Folgen haben wird:
“Die übermässige Verwendung von Smartphones und Gaming-Geräten beeinträchtigt die Entwicklung des Gehirns, wie Dr.  Byun Gi-won vom Balance-Brain-Centre in Seoul gegenüber einer Koreanischen Tageszeitung erklärte. Bei intensiven Nutzern ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass deren linke Gehirnseite sich entwickelt, während die rechte Seite unterentwickelt oder gar ungenutzt bleibt. Die rechte Gehirnseite sorgt unter anderem für die Fähigkeit sich zu konzentrieren; Unterentwicklung beeinflusst Aufmerksamkeit und Gedächtnis und führt in bis zu 15 Prozent aller Fälle zu frühzeitiger Demenz.“ (Übersetzung durch die Redaktion).
Intensive Nutzer haben einen Trost: Nicht alle Spezialisten gehen davon aus, dass das Internet unser Gehirn schädigt. Die Welt hat ein Interview mit zwei Hirnforschern mit dem Titel “Digitale Demenz? Von wegen!" überschrieben. Zitat:
“Jegliche Tätigkeit verändert zwar den inneren Aufbau unseres Gehirns, denn die Verarbeitung von Informationen führt zu neuen oder veränderten Kontakten zwischen den Nervenzellen. Das Gehirn eines intensiven Internetnutzers wird daher etwas anders sein – genauso wie das Gehirn eines Berufsmusikers, passionierten Lesers oder Autorennfahrers in einzelnen Hirnabschnitten anders ist. Diese Veränderungen sind aber so subtil, individuell verschieden und unspezifisch, dass man sie zumindest mit den heutigen Methoden der Hirnforschung nicht erfassen, geschweige denn auf das Surfen im Internet zurückführen kann.“

Wie sieht es mit ihrer Smartphone-Nutzung aus? Intensive Nutzer haben wohl alle schon das Gefühl gehabt, das ständige Verbundensein mache sie langfristig nicht schlauer, sondern ganz einfach abhängiger. Testen Sie Ihre persönliche Abhängigkeit und verbleibenden intellektuellen Kapazitäten: Legen Sie das Smartphone eine Woche lang in die Schublade – oder brauchen Sie es ausschliesslich zum Telefonieren. Ausschliesslich! Schaffen Sie das ohne zu mogeln?