Thursday, August 29, 2019

Big Brother überwacht Sie - an der Türklingel

Wir werden nicht gerne überwacht - vor allem wenn wir nicht wissen, dass uns jemand beobachtet und abhört. Was wir gemeinhin Privatsphäre nennen, bedeutet uns viel, ist aber im digitalen Zeitalter immer schwieriger zu bewahren, weil die Überwachungsinstrumente immer leistungsfähiger, billiger und zahlreicher werden.

Eine Überwachungsanlage in der Türklingel: die digitale Technik machts
möglich.                                                                               Amazon Screengrab
Überwachung ist nicht nur schlecht: Wir freuen uns, wenn Kriminelle aufgrund von Überwachungsvideos dingfest gemacht werden, und wir haben Verständnis dafür, dass Einkaufsläden ihre Waren mit Kameraüberwachung vor Ladendieben schützen. Bei uns im Westen sind wir noch sehr weit vom totalen Überwachungsstaat entfern, den George Orwell in seinem ewigen Bestseller “1984“ gezeichnet hatte, obwohl ein solcher Staat dank digitaler Technologie inzwischen möglich geworden ist - wie China beweist:
“Die chinesischen Hightech-Überwachungstechnologien und -Systeme verwenden fortgeschrittene Künstliche Intelligenz (KI), um die riesigen Datenmengen, die per Gesichtserkennung, DNA-Proben, Biometrik, GPS, allgegenwärtige, hochauflösende Überwachungskameras, intrusive Apps auf Mobiltelefonen, Computersoftware, Smart-TVs und Drohnen gesammelt werden, zu verarbeiten und zu analysieren […]Die Los Angeles Times berichtet, dass China 176 Millionen öffentliche und private Überwachungskameras installiert hat – für 1,4 Milliarden Einwohner. Darunter auch Kameras an jedem Wohnblock in der Hauptstadt Peking. Allerdings plant China landesweit die Installation von 626 Millionen Kameras bis 2020.“
Videoüberwachung muss aber nicht immer staatlich sein - sie kann privat kommen, sich auf leisen Sohlen bei durchaus gesetztestreuen Bürgern verbreiten und plötzlich zu einem System werden. Wie das jetzt scheinbar in den USA mit Video-Türklingeln der Marke “Ring“ passiert. Video-Türklingeln funktionieren mit WLAN und überwachen nicht nur die Haustür, sondern, per Weitwinkel, auch den Vorhof oder sogar die davor verlaufende Strasse. Sie schalten auf Aufnahme, wenn jemand klingelt oder in den Bereich der Bewegungssensoren gerät und melden sich beim Smartphone des Besitzers. Das ist sehr praktisch, wie bei Amazon nachzulesen ist, wo die Geräte verkauft werden:
  • Die Klingel ermöglicht es Ihnen, Besucher von Ihrem Telefon, Tablet und PC aus zu sehen, zu hören und mit ihnen zu sprechen.
  • Sendet Warnmeldungen, sobald eine Bewegung erkannt wird oder wenn Besucher die Türklingel drücken.
  • Überwacht Ihr Zuhause in 1080HD-Video mit Infrarot-Nachtsicht.
  • Ermöglicht es Ihnen, jederzeit ihr Grundstück zu kontrollieren, mit Live-Video auf Verlangen.
Genau diese Überwachungsfunktionen nutzen nun in den USA auch hunderte von Polizeidienststellen, die dafür immerhin die Erlaubnis der Eigentümer einholen - in Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Video-Türklingel. Dieses Überwachungsnetz, das gemäß SFGate jetzt schon im ganzen Land funktioniert und aus Millionen von Kameras besteht, hat die Datenschützer aufgeschreckt, wie verschiedene Medien berichten:
“Rechtsexperten und Datenschutzbeauftragte haben Alarm über die zunehmend enge Beziehung des Unternehmens zur Polizei geäußert und gesagt, dass das Programm die bürgerlichen Freiheiten bedrohe, die Bewohner in Informanten verwandle und unschuldige Menschen erfasse... [...]
"Wenn die Polizei von jedem Bürger verlangen würde, dass er eine Kamera an seiner Tür befestige und der Polizei Zugang zu ihr gewähre, würden wir alle erschrecken", sagte Andrew Guthrie Ferguson, Rechtsprofessor und Autor von "The Rise of Big Data Policing". Indem Ring "ein vermeintliches Bedürfnis nach mehr Selbstüberwachung und die Angst der Verbraucher vor Kriminalität und Sicherheit" nutze, habe das Unternehmen "einen cleveren Workaround für die Entwicklung eines völlig neuen Überwachungsnetzes gefunden, ohne die Aufsicht, die stattfinden würde, wenn ein solches Netz von der Polizei oder Regierung kommen würde."


Tuesday, August 27, 2019

Amazon - “ein gigantischer Flohmarkt mit begrenzter Aufsicht“

Ein Grund dafür, dass Amazon so beliebt ist, bei den Konsumenten dieser Welt, liegt darin, dass man weiss, mit wem man sich im Internet-Shop einlässt: Eine gigantische Firma, die hoffentlich auch gigantische Standards hat, was die Sicherheit und die Qualität der verkauften Produkte betrifft. Diese Annahme war wohl ein gigantischer Irrtum.

Einige der vom Wall Street Journal untersuchten Produkte auf Amazon
Marketplace.                                                                              Screenshot WSJ
“Amazon ist nicht mehr, was es früher einmal war“, beklagte sich meine Frau nach ihren letzten Einkäufen im Shop des Internetgiganten. Das Angebot sei unübersichtlich geworden, die Preise schwankten und die Qualität mancher Produkte sei schwer abzuschätzen. Damit hat sie den Nagel ziemlich genau auf den Kopf getroffen. Auch das Wall Street Journal kommt in einem ausführlichen Artikel (Paywall) über Amazon zum Schluss, dass der riesige Internethändler weniger wie ein Warenhaus daherkomme, das für seine Kunden gute Qualität und sichere Produkte auswähle, sondern vielmehr wie ein gigantischer Flohmarkt, wo unter sehr limitierter Aufsicht Produkte von - oft anonymen - Drittverkäufern angeboten würden. Die meisten dieser Waren kommen, wie könnte es anders sein, aus China und Informationen darüber sind nur sehr schwer zu erhalten. Die Vorwürfe, die das Wall Street Journal erhebt, sind happig:  
“Genauso wie andere Technologieunternehmen, die Schwierigkeiten haben, Fehlinformationen auf ihren Plattformen zu bekämpfen, hat sich Amazon als unfähig oder nicht bereit erwiesen, Drittanbieter auf ihrer Website effektiv zu überwachen.“
Der Titel des Artikels:
“Amazon hat die Kontrolle über seine Website abgegeben. Das Ergebnis: Tausende verbotene, unsichere oder falsch gekennzeichnete Produkte“
Das Journal kam zu diesem vernichtenden Urteil, nachdem es in einer etwa einmonatigen unabhängigen Untersuchung herausfand, dass mehr als 4‘100 gefälschte Produkte, Rückrufprodukte und verbotene Produkte bei Amazon verkauft werden. Von diesen 4100 Produkten sind mindestens 2000 Spielzeuge und Medikamente. Aber auch 1412 elektronische Geräte mit gefälschten UL-Zertifizierungszeichen wurden angeboten. Was die ganze Sache nicht besser machte: Viele dieser Produkte trugen die Bezeichnung " Amazon's Choice ".
Für Amazon war die Idee eines nahtlos integrierten Marktplatzes für Drittanbieter bis jetzt eine sehr lohnende: Im zweiten Quartal 2019 wurden 54 Prozent aller Produkte von unabhängigen Anbietern verkauft. Inzwischen gibt es über fünf Millionen Verkäufer, die auf diesem vom Wall Street Journal so genannten Amazon Flohmarkt ihre Waren anbieten - und Amazon profitiert von jedem Verkauf.
Die Position, die das Unternehmen zu dieser Problematik einnimmt, ist bis jetzt ziemlich unnachgiebig - könnte längerfristig auch unproduktiv sein: Man sei für die Produkte von Dritten, die bei Amazon angepriesen würden, nicht verantwortlich. Falls sich das bei den Kosumenten herumspricht, könnte das durchaus schlecht fürs Geschäft sein. Besonders in den USA, wo Amazon mit Warenhäusern wie Walmart konkurrenziert, die  es sich unter keinen Umständen leisten können, verbotene oder unsichere Produkte anzubieten, und ihre Kunden auch in anderen Belangen mit enormer Kulanz behandeln. Hier ist der Konkurrenzkampf in vollem Gang: Erst vor ein paar Monaten hat Amazon Walmart als weltgrössten Detailhändler überholt.

Thursday, August 22, 2019

Wie echt ist Ihr Leben?

Gibt es sie, oder gibt es sie nicht, die Handysucht? Von den Millionen Menschen, die ihr Smartphone immer bei sich tragen, auch im Bett noch beachten, jede “freie“ Minute darauf lesen oder tippen, hat sicher der allergrösste Teil nicht das Gefühl, ein Suchtproblem zu haben. Das Handy gehört einfach dazu, es ist eine Verlängerung des eigenen Daseins, das man sich ohne dieses digitale Wunder gar nicht mehr vorstellen könnte. Andere fragen sich, wie echt ihr Leben in dieser digital bestimmten Welt noch ist.  

Wieso denn miteinander reden, wenn man mit dem Handy kommunizieren
kann?                                                                                              Bild pixabay 
Plötzlich schleicht sich bei vielen Usern ein ungutes Gefühl ein. Man merkt, dass das Leben auf Instagram und Facebook nicht das richtige Leben ist. Gerade jetzt im warmen Sommerwetter, wo viele Menschen ihre Beziehung zu Natur unter dem freien Himmel wieder erneuern, scheint sich die Frage nach der eigenen Beziehung zum Smartphone wieder aufzudrängen.
Das äussert sich unter anderem in einer Häufung von Medienartikeln zu diesem Thema, von denen einige sehr lesenswert sind.
Ein ausführlicher Artikel in der Zeit versucht zum Beispiel herauszufinden, ob es die Smartphone-Sucht wirklich gibt, und ob sie überhaupt negative Folgen habe. Soviel sei vorweggenommen: Die Autorin findet in zahlreichen Studien zum Thema immer wieder jene relativierende Faktoren, die es ihr und uns möglich machen den Smartphone-Lifestyle weiterzuleben:
“So zeigt eine Studie, dass die pure Anwesenheit des Gerätes es Menschen offenbar erschwert, in einem Gespräch Intimität herzustellen: eine Gruppe von Gesprächspartnern unterhielt sich, ohne das Smartphone bei sich zu tragen, eine zweite mit ihm. Nach zehn Minuten sollten die Studienteilnehmer einschätzen, wie sehr sie ihrem Gegenüber vertrauen und ob es ihre Gefühle versteht. Das Ergebnis: Diejenigen, die das Smartphone dabeihatten, beantworteten die Frage durchgehend negativer […]. Viele kennen diesen Effekt auch von sich: Liegt das Ding beim Essen oder auch beim Treffen mit Freunden auf dem Tisch, fällt es schwer, nicht ab und zu mal draufzuschauen. Es auf den Bildschirm zu drehen, hilft auch nicht. Das Problem dieser, aber auch vieler anderen aktuellen Studien zur Smartphonenutzung, die die Forscherinnen und Forscher aus Philadelphia zusammengetragen haben, ist jedoch: So interessant sich solche Ergebnisse lesen, so wenig aussagekräftig sind sie. Denn experimentelle Studien sind eben nur bedingt auf die echte Welt übertragbar…“
Das stimmt natürlich. Trotzdem gibt es zu denken, dass gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen, bereits 10 bis 20 Prozent aller Schüler “handysüchtig“ sind. Aber:
“Im internationalen Diagnosehandbuch psychischer Erkrankungen (ICD-11) ist die "Smartphonesucht" noch keine anerkannte Diagnose. Forscher und Forscherinnen sprechen stattdessen von einer "problematischen Smartphonenutzung" oder "internetbezogenen Störungen". Denn das Handy an sich macht nicht süchtig. "Menschen, die ihr Smartphone suchtartig gebrauchen, sind nicht abhängig nach dem Gerät, sondern nach dem, was dieses ihnen bietet"…“
Das sieht eine andere Autorin, ebenfalls in der Zeit, nicht ganz so unproblematisch. Anna Miller hat genug vom Smartphone und ihrem digitalen Leben:
“Hätte uns jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass wir unser Leben in ein paar Jahren so sehr nicht mehr aushalten, dass wir während des Urinierens, eine Minute, eine Ablenkung brauchen, wir hätten nur gedacht, wie sonderbar dieser Mensch doch ist, solche Dinge zu denken.
Manchmal reden wir darüber, dass das Internet etwas mit uns gemacht hat, aber tiefer gehen wir nicht, wir schenken nochmals Wein nach und wischen den Gedanken weg und greifen nach dem Handy, so viel einfacher, irgendwie. Wir haben ja auch so oft gar keine Worte für diesen Zustand, wir haben nur ein dumpfes Gefühl im Magen, aber wem geht es schon so wie uns, wahrscheinlich niemandem, wahrscheinlich fühlen nur wir allein uns so. Und was ist so ein ungutes Gefühl denn schon wert, in einem postfaktischen Zeitalter – nicht viel.  Manchmal denken wir kurz darüber nach, was wir alles machen könnten, in dieser Zeit, die uns jetzt fehlt, dann zucken wir mit den Achseln und denken, ach, dann würde ich vielleicht sowieso einfach noch länger auf Netflix rumhängen oder öfter schlafen, ist ja alles einerlei…“

Sunday, August 18, 2019

KI wird zum besseren Arzt werden

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Roboter werden oft in einem Atemzug mit dem Verlust von Arbeitsstellen genannt. Wie weit diese Prognosen eintreffen werden, wird sich zeigen, aber eines ist sicher: KI macht sich in einigen Spezialgebieten bereits unentbehrlich und wird unaufhaltsam sein. Dazu gehört auch die Medizin - und unser aller Gesundheit sollte im Endeffekt davon profitieren. 

Add captIhr Doktor mag noch keinen direkten Zugriff auf KI haben - aber sein
Smartphone gehört bestimmt zu seinen Tools.                            Bild Max Pixel
KI ist deshalb besonders gut für das Fachgebiet Medizin geeignet, weil dort besonders viele Informationen anfallen und auch berücksichtigt werden müssen. Weltweit werden schätzungsweise jeden Tag 6000 medizinische Artikel veröffentlicht. Wer soll die alle lesen? Sicher nicht Ihr Arzt - auch wenn er noch so gerne auf dem Laufenden bleiben möchte. KI hingegen kann automatisch Zusammenfassungen erstellen und automatisch die wichtigsten Artikel anzeigen, wenn es um bestimmte Krankheitsbilder geht. Der Arzt muss nur abrufen, was er braucht.
Computer sind besonders gut darin, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten - sie werden nicht müde, und sie sind zuverlässig. Auch wer (noch) nicht zum Arzt geht, lässt sich oft von computergenerierten Infos diagnostizieren: In Deutschland zum Beispiel hat eine Krankenversicherung Millionen von Suchanfragen bei Google Analysiert und eine Rangliste der Diagnosen erstellt (auf Platz eins stand die Schilddrüsenvergrösserung, auf Platz zwei, Diabetes). Solche Diagnosen sind nicht sehr zuverlässig, zeigen aber, wie sich die Welt der der medizinischen Diagnostik im digitalen Zeitalter verändert hat. KI hingegen ist in der Diagnostik kaum zu schlagen:
“Bestimmte radiologische Befunde lassen sich schon heute schneller und treffsicherer vom Computer ermitteln als vom Menschen. KI kann Ärzten helfen, schwarzen Hautkrebs zu erkennen. So war ein trainiertes, selbstlernendes Computerprogramm irgendwann besser darin, bösartige Melanome von gutartigen Muttermalen zu unterscheiden, als Hautärzte. „In der Radiologie erleben wir derzeit eine mathematische Revolution, die schneller und tiefgreifender ist als alle Umbrüche zuvor“, sagte Anfang 2019 Stefan Schönberg, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, dem Wirtschaftsmagazin „Bilanz“. Wissenschaftler aus China und den USA entwickelten ein System, das unter anderem anhand von elektronischen Gesundheitsakten zuverlässiger feststellt, was jungen Patienten fehlte, als – relativ unterfahrene – Kinderärzte. Lernende Roboter können bestimmte Routineverfahren im Rahmen von Operationen besser durchführen als ein Mensch, der müde werden kann und menschlichen Stimmungen und Fehlern unterliegt.“ (tagesspiegel.de)
Auch die Frankfurter Allgemeine berichtet zum Thema unter dem Titel: Ersetzt künstliche Intelligenz den Radiologen? Und weil auch hier die Regel für Zeitungsschlagzeilen anwendbar ist, wonach Titel mit einem Fragezeichen generell mit "nein" beantwortet werden können, ist die Antwort schon zum vornherein klar. Aber man könnte auch antworten "noch nicht":
“Seit vergangenem Jahr hat [Radiologe Michael]Lell einen neuen Mitarbeiter, dem die eintönige Arbeit der Bildauswertung nichts ausmacht, der nie müde wird, obwohl er niemals Feierabend hat. Eine Software nimmt ihm einen Teil der Analyse der Bilder und das Vermessen ab und erstellt anschließend vollautomatisch einen Bericht. Die Ergebnisse sind ermutigend. Zwar arbeitet das Programm noch nicht fehlerlos, unterstützt aber auch erfahrene Fachärzte bereits. „Die Software ermittelt automatisch das Volumen eines Tumors, damit ist die Wirkung moderner Tumortherapien viel besser zu objektivieren“, sagt Lell. Zudem ist eine Maschine nie auf eine bestimmte Verdachtsdiagnose fixiert: Erfolgt die Untersuchung des Brustkorbs aufgrund einer Lungenerkrankung, analysiert sie das Herz mit derselben Aufmerksamkeit – und entdeckt möglicherweise eine Verkalkung der Herzkranzgefäße, die ansonsten im Bericht nicht erwähnt worden wäre. Ein erhöhter Aufwand ist damit nicht verbunden – das CT liefert die für die Diagnose notwendigen Daten ohnehin.“
Der Einsatz von KI in der Medizin steht erst am Anfang - wird aber gewaltige Auswirkungen auf den ärztlichen Berufsstand haben. Immerhin glaubt der von der FAZ porträtierte Radiologe nicht daran, dass er bald überflüssig wird: „Die Übernahme durch die Maschinen werde in absehbarer Zeit nicht stattfinden, schließlich möchte kein Patient auf das persönliche Gespräch mit seinem Arzt verzichten, gibt er zu Protokoll.

Thursday, August 15, 2019

Eine gute Idee wird zum Problem

Airbnb, die digitale Plattform für Reiseunterkünfte, sorgt vor allem an touristischen Hotspots immer öfter für Unmut. Was einst  eine ausgezeichnete Idee war, die sich die digitale Allgegenwärtigkeit des Smartphone-Zeitalters  zu Nutze macht, ist für viele Bürger zum Ärgernis geworden, das zum Dichtestress und zur Verteuerung des Wohnraums - sprich, des Alltags beiträgt.

An Angeboten mangelt es nicht: Airbnb bietet unzählige Übernachtungs-
möglichkeiten allein in Luzern.                                   airbnb.com Screengrab 
Die Idee war eigentlich genial, das Zielpublikum jung, unkompliziert und auf günstige Unterkünfte angewiesen. Daher auch der Name Airbnb, der signalisiert, dass eine Luftmatratze und ein Frühstück für wenig Geld zu haben sind.
Das hat sich allerdings tiefgreifend verändert. Wie viele andere Plattformen der Sharing-Economy funktioniert Airbnb so gut - sowohl für Mieter, als auch für Vermieter - dass das Unternehmen vom eigenen Erfolg eingeholt wurde. Airbnb ist so allgegenwärtig geworden, dass es vielerorts eine Grundlage unserer Gesellschaft verändert, nämlich die Möglichkeit eine Wohnung zu einem erschwinglichen Preis zu finden. Ausserdem verändert Airbnb auch die Zusammensetzung ganzer Quartiere und sogar Städte. Statt Einwohnern, gibt es Touristen und alle unangenehmen Begleiterscheinungen. Paris, Venedig und teilweise auch Luzern können ein Lied davon singen. Gerade in Luzern haben Aktivisten kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass durch Airbnb-Vermietungen immer mehr echter Wohnraum verschwindet. Kein Wunder, mit solchen Objekten kann sehr viel Geld verdient werden - bis zu 17‘000 Franken pro Monat kann eine Wohnung in der Luzerner Altstadt einbringen:
“Airbnb [ist ]für die Vermittlungsfirma Keyforge ein gutes Geschäft. Sie vermietet in Luzern gesamthaft 37 Wohnungen über Airbnb und andere Plattformen. Nach Berechnungen der SP-Politiker Cyrill Studer und David Roth sei mit einer 4,5-Zimmer-Wohnung in der Neustadt bis zu 9000 Franken Ertrag monatlich zu erzielen. Ein anderes Haus mit ausschliesslich kommerziell vermieteten Apartments liegt am Hirschenplatz im Herzen der Altstadt – ebenfalls vermietet über die Agentur Keyforge. Das Haus gehört der NLU Immobilien mit Sitz in Luzern. Die Firma hat das historische Haus mit der einst beliebten Beiz mit einem Etablissement in den oberen Etagen 2015 gekauft und aufwendig umgebaut. Statt einer Kontaktbar gibt’s die schicken Apartments «Hirschen 1 bis 7». Bis zu 549 Franken kosten die Objekte pro Nacht…“ (zentralplus.ch)
Immerhin ist man in Luzern noch nicht soweit, wie in Ibiza: Da werden, gemäss Handelszeitung, sogar Balkone mit einer Matratze auf Airbnb zur Vermietung angeboten.
Tatsächlich lohnt es sich für viele Vermieter viel mehr, eine Wohnung kurzzeitig statt langfristig zu vermieten.  Die Welt zitiert eine Berechnung des Deutschen Städtetags, die zeigt, dass es (in Deutschland) fast dreimal rentabler ist, an Touristen zu vermieten, als an einen Dauermieter:
“So lag der Durchschnittspreis für eine auf Airbnb angebotene ganze Wohnung 2018 bei durchschnittlich 83 Euro. Eine Vollvermietung an 365 Tagen hätte 30.295 Euro an Einnahmen gebracht, abzüglich Betriebs- und Nebenkosten (drei Euro pro Quadratmeter) blieben bei einer mittleren Wohnungsgröße von 72 Quadratmetern noch 27.703 Euro. Für dieselbe Wohnung würde der Eigentümer bei einer Nettokaltmiete von beispielsweise zwölf Euro pro Quadratmeter Wohnfläche lediglich 10.368 Euro jährlich verdienen. Demnach würde es reichen, die Wohnung nur an 137 Tagen bei Airbnb zu vermieten, um auf den gleichen Betrag zu kommen.“
Da die Vermietung von Airbnb-Unterkünften derartig rentabel ist, darf man davon ausgehen, dass die Zahlen nicht zurückgehen werden - ausser in Städten und Regionen, wo die Vermietung gesetzlich eingeschränkt wird. Andernorts wird das System das Problem vielleicht auch selber lösen: ganz einfach über Angebot und Nachfrage. Es scheint dass viele Airbnb-Angebote schlicht zu teuer sind, auch wenn Reinigungs- und andere Arbeiten einberechnet werden. Wenn die Reisenden das merken, wird sich der Vermieterboom hoffentlich zumindest teilweise selber regulieren.

Sunday, August 11, 2019

Aus Eitelkeit wird Overtourism: Instragram und die Menschenmassen

Wenn Sie in den Ferien einen besonders schönen oder romantischen Ort besucht haben, der noch nicht total von Touristen überlaufen war, dann sollten Sie sich gut überlegen, wem Sie dieses Geheimnis anvertrauen. Falls Sie da nächstes Jahr wieder hingehen möchten, posten Sie auf keinen Fall ein Selfie auf Instagram - um allen zu beweisen, wie sehr Sie Ihre Ferien genossen haben.

Tourismus galt, es ist noch nicht so lange her, als ein Wirtschaftszweig, der eigentlich nur positive Seiten hat. Reisen bildet, hiess es - von einem Carbon Footprint war damals noch nicht die Rede. Auch nicht von Flight Shaming oder Overtourism. Das hat sich in wenigen Jahren gewaltig geändert. Die schönsten Orte der Welt leiden unter Touristenmassen, die ihre Reiseziele zu einem grossen Teil auf Instagram und Facebook ausgewählt haben und Ihre Erfahrungen auch wieder dort posten. Es ist nicht nur Venedig, das unter dieser Last ächzt, auch abgelegene und vor kurzem noch eher unbekannte Orte sind dem Ansturm der Massen plötzlich nicht mehr gewachsen. Die Australische Website travel.nine.com.au weiss genau, wieso das so ist:
“Entfernung, Standort oder  Kosten sind nur Unannehmlichkeiten und keine echten Hindernisse für die Befriedigung, die mit dem Besuch eines Ortes einhergeht, der im Moment ganz oben auf der coolen Liste der coolen Leute steht. Es liegt in der menschlichen Natur, einem Reisetrend folgen zu wollen. Deshalb gibt es Reisetrends überhaupt. Aber bevor es Instagram gab, wurde ein solches Ziel nur langsam über Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt, bevor der nächste schöne Ort cool wurde. Mit Instagram ist der Zustrom schnell, konstant und massiv. Und der einst unbekannte Fleck wird  zurückgelassen, als wären tausende winzige Ameisen angekommen, und mit einem glänzenden Bild in der Hand wieder abgereist - nachdem sie ihre zerstörerischen Spuren hinterlassen haben.“
Luzern, eine Stadt wie aus dem Bilderbuch - und genau deshalb wollen sie so
viele Touristen sehen.                                              Bild Wikimedia Commons
Inzwischen gibt es unzählige Orte auf der Welt, die genau aus diesem Grund keine Touristen mehr empfangen oder zumindest Beschränkungen eingeführt haben.
Auch die touristengewohnte Schweiz erlebt, was es heisst, wenn Destinationen plötzlich extrem populär werden. “Früher war man hiermutterseelenallein“: Wie Social Media den Tourismus verändern, titelt zum Beispiel die NZZ und berichtet unter anderem über der Ansturm touristischer Massen am Beispiel Lauterbrunnen und Blausee:
“Das Dorf Lauterbrunnen bietet mit seinen blumengeschmückten Häusern, den idyllischen Weiden rundherum und dem Blick auf den Trümmelbachfall, der hier von einer schroffen Felswand hinunterstürzt, diverse Motive, die «very instagrammable» sind. Das hat Folgen, und längst nicht alle sind positiv. Am Flussufer bleiben immer häufiger Abfälle liegen. Es herrscht regelmässig ein Verkehrschaos. Touristen trampeln den Bauern die Wiesen platt, missachten fürs perfekte Foto die Privatsphäre der Anwohner. Gemeindepräsident Martin Stäger schüttelt leicht den Kopf, als er sagt: «Manche glauben offenbar, sie seien hier im Freiluftmuseum. Das geht so weit, dass sie plötzlich im Wohnzimmer stehen und sagen, sie hätten nur mal schauen wollen, wie wir hier so lebten.»
Overtourism werde auch für die Schweiz zum Problem und verursache Konflikte, konnte man schon nach dem vielpublizierten Besuch einer 12‘000köpfigen Touristengruppe aus China in Luzern lesen. Die Bevölkerung murrt, weil der Dichtestress auch auf der Kappellbrücke und am Bergsee lästig wird.
Das Problem schein unlösbar zu sein - ein Dilemma eben. Wer nämlich sein Geld mit Tourismus verdient, hat nicht das Gefühl, die touristischen Massen seien problematisch. Das gilt auch am Blausee:
“Lena Goosmann sitzt an einem Tisch im Restaurant des Hotels Blausee, das sie seit rund zwei Jahren betreibt. Sie blickt durchs Fenster auf die Terrasse, wo alle Tische besetzt sind, obwohl die Mittagszeit längst vorbei ist. Und sagt, bisher gebe es keinen Anlass, die Eintritte zu beschränken: «Der Park ist gross genug, in der Regel verteilen sich die Besucher gut übers Gelände...»

Thursday, August 8, 2019

Wenn der Kurier von Ihrem Essen nascht

In Europa und in der Schweiz sind Mahlzeiten, die nach Hause oder an den Arbeitsplatz geliefert werden, noch lange nicht so populär wie in den USA, wo Food Apps weit verbreitet sind und jährlich mehr als 30 Milliarden Dollar für derartige Dienste ausgegeben werden. Viele der Kunden dürften deshalb von einer neuen Studie unangenehm überrascht worden sein, die einige unschöne Gewohnheiten der Lieferanten beleuchtet.

Eine Mahlzeit, geliefert vom China-Restaurant. 54 Prozent der Kuriere geben
an, dass die feinen Gerüche ihrer Lieferungen sie manchmal in Versuchung
führen; 28 Prozent haben sich schon mal zum Naschen verleiten lassen.
                                                                                                   Bild Max Pixel 
Die digitale Wirtschaft wird vor allem von jüngeren Konsumenten genutzt - das gilt auch für Food-Apps: Die Nutzung von Lebensmittellieferungen hängt stark mit dem Alter zusammen. Rund 36 Prozent der US-Internetnutzer haben im letzten Jahr fertig gekochtes Essen aus dem Restaurant nach Hause bestellt,  aber es waren die unter 35jährigen, die diesen Trend vorantrieben. Die Kunden solcher Dienste geben mehr als 30 Milliarden Dollar pro Jahr dafür aus. Aber auch bei Essenslieferungen - wie im allgemeinen Onlinehandel - können Transport und Auslieferung problematisch sein, allerdings aus ganz speziellen Gründen.
Eine neue Studie des Lebensmittel- und Gastronomiekonzerns US-Foods in den USA hat ergeben, dass die Mahlzeiten oft schon vor der Auslieferung angeknabbert werden - und zwar vom Kurierpersonal.
Ganze 28 Prozent der Zusteller gaben zu, schon mal einen Bissen aus dem Menü probiert zu haben, bevor sie es zustellten. Immerhin 21 Prozent aller Kunden gaben an, dass sie schon einmal das Gefühl gehabt hätten, der Kurier habe sich an ihrem Essen bedient. Und 85 Prozent aller Kunden würden es schätzen, wenn ihre Food-Lieferung so verpackt wäre, dass Manipulation unmöglich wird.
Kunden haben in diesem Zusammenhang auch noch andere Beschwerden - die generell dazu dienen können, die generelle Problematik von Essenslieferungen aufzuzeigen. 17 Prozent der Kunden beschwerten sich darüber, dass ihre Lebensmittel nicht warm oder frisch waren, und 16 Prozent reklamierten über die verspätete Lieferung ihrer Lebensmittel.
Allerdings sind die Kunden gemäss US-Food Studie nicht die einzigen, die Grund zur Unzufriedenheit haben. Mehr als die Hälfte der Zusteller, nämlich 60 Prozent beschwerten sich, dass sie zu wenig oder gar kein Trinkgeld erhalten, während 39 Prozent fanden, dass die Anweisungen der Kunden unklar seien.


Friday, August 2, 2019

Kriminelle Hacker und Erpresser machen keine Sommerpause...

... das mussten letzte Woche auch verschiedene Schweizer Unternehmen feststellen. Wie die Melde- und Analysestelle Informationssicherung MELANI des Bundes dieser Tage mitteilte, wurden verschiedene Firmen Ziel von Angriffen, mit denen unbekannte Angreifer Unternehmensnetzwerke erfolgreich infiltrierten und deren Daten verschlüsselten um sie zu erpressen.

Vorbeugen ist besser als heilen - das gilt auch für Hackerangriffe und Ransom-
ware.                                                                                            Bild Max Pixel
Eine der betroffenen Firmen ist der Bankensoftware-Anbieter Crealogix, der letzten Freitag Opfer einer Phishing-Attacke geworden ist. Die damit eingeschleuste Malware habe "gewisse interne Windows-Arbeitsplätze" lahmgelegt, wie Mediensprecherin Jasmin Epp gegenüber inside-it.ch bestätigte. Kunden von Crealogix, RZ-Dienstleistungen oder der Quellcode der hauseigenen Software seien nicht betroffen gewesen, und man habe den Angriff schnell unter Kontrolle gebracht.
(Wir haben an dieser Stelle kürzlich unter dem Titel  Geld aus der Firmenkasse für kriminelle Erpresser“ zu diesem Thema und zur Frage berichtet, ob auf solche Erpressungsversuche eingegangen werden soll.) 
MELANI hat seit 2016 regelmässig vor der Gefahr von Verschlüsselungstrojanern oder Ransomware gewarnt.  Seit Anfang Juli seien nun aber vermehrt Cyber-Angriffe vermeldet worden, bei denen die Angreifer eine neue Vorgehensweise gewählt haben. Dabei werden Schweizer Unternehmen gezielt mittels schädlichen E-Mails angegriffen. Laut MELANI sind folgende Angriffszenarien bekannt:

  • Angreifer versenden gezielt schädliche E-Mails an Schweizer Unternehmen, um diese mit Ransomware zu infizieren. Diese beinhalten in der Regel einen Link auf eine bösartige Webseite oder einen schädlichen Dateianhang.
  • In einschlägigen Internet-Foren werden Zugänge zu infizierten Computern in Schweizer Unternehmen zum Verkauf angeboten. Diese sind in der Regel mit „Emotet“, „TrickBot“ oder vereinzelt auch „Qbot“ infiziert. Kriminelle Gruppierungen „kaufen“ die infizierten Computer, um das Netzwerk des Opfers grossflächig zu infiltrieren.
  • Angreifer scannen das Internet nach offenen VPN- und Terminal-Servern ab und versuchen mittels Brute-Forcing-Angriffen Zugriff auf diese zu erhalten.
  • Bei allen genannten Vorgehensweisen verwenden die Angreifer weitere Angriffswerkzeuge wie zum Beispiel „Cobalt Strike“ oder „Metasploit“, um an die nötigen Zugriffsrechte des Unternehmens zu kommen. Ist dies erfolgreich, wird eine Ransomware  auf den Systemen platziert, die dann die Daten vollständig verschlüsselt.

Aufgrund der aktuellen Gefahrenlage warnt MELANI Schweizer Unternehmen nun erneut eindringlich vor Ransomware und empfiehlt dringend, folgende Massnahmen schnellstmöglich umzusetzen: 

  • Erstellen Sie regelmässig Sicherungskopien (Backups) Ihrer Daten zum Beispiel auf einer externen Festplatte. Stellen Sie jeweils sicher, dass Sie das Medium, auf welchem Sie die Sicherungskopie erstellen, nach dem Backup-Vorgang vom Computer oder Netzwerk physisch trennen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Angreifer auch auf die Daten des Backups Zugriff erhalten und verschlüsseln oder löschen können.
  • Bei Cloud-basierten Backup-Lösungen sollten Sie sicherstellen, dass diese für eine Ransomware nicht zugreifbar sind, indem man für kritische Operationen beispielsweise eine Zweifaktor-Authentifizierung verlangt.
  • Prüfen Sie die Qualität der Backups und üben Sie das Einspielen von Backups, damit Sie im Notfall keine unnötige Zeit verlieren.
  • Sowohl Betriebssysteme als auch alle auf den Computern oder Servern installierte müssen konsequent und unverzüglich auf den neuesten Stand gebracht werden. Schützen Sie auch alle vom Internet erreichbaren Ressourcen (insbesondere Terminal-Server, RAS- und VPN-Zugänge) mit einem zweiten Faktor. Stellen sie Terminal-Server hinter ein VPN-Portal.
  • Blockieren Sie den Empfang von gefährlichen E-Mail-Anhängen auf Ihrem E-Mail-Gateway. Dazu zählen auch Office-Dokumente mit Makros. Eine Liste von zu sperrenden Dateianhängen finden Sie hier.